Welche Eindrücke aber sind es, die wir unseren Jungen und Mädchen im ersten Lebensjahrzehnt bieten und die ihre Persönlichkeit prägen? Das Problem, vor dem wir stehen, ist die ungeheure Überflutung von Reizen, die unsere Jugend bedrängt: „Tagtäglich strömt eine Fülle von Eindrücken und Zerstreuungen der verschiedensten Art auf sie ein“, beklagt sich unter vielen anderen der Karlsruher Pädagoge G. Dohmen in dem im Kröner-Verlag erschienenen Bändchen „Das Kind in unserer Zeit“, „sei es durch Kino, Radio, Fernsehen, Illustrierte, Comics ... Die Kraft zur Verarbeitung all dieser Eindrücke reicht vielfach nicht mehr aus, die Kinder kommen nicht mehr zu einer wirklichen Besinnung, sie verlieren den Überblick, geraten ins Schwimmen. So verlieren sie auch ihre geistige Freiheit und Selbständigkeit und werden schon früh nivellierte Konsumenten dessen, was man ihnen als öffentliche Meinung vorsetzt ...“

– Die Konsequenzen, die sich aus dieser Situation für die Praxis der Kindererziehung ergeben, sind bitter genug. Sie verlangen mehr als früher ausdauernde Hingabe und vor allem intensives Einfühlungsvermögen. Der Münchener Psychologe A. Huth faßte seine Beobachtungen an der Jugend von heute zusammen: „... abgenommen haben Auffassungsgabe, Arbeitstempo und Konzentration; genau im gleichen Maße zugenommen haben Auffassungsumfang, Reaktionsschnelligkeit und Überblick; daraus folgt die größere Wendigkeit... Wir haben weithin keinen Begabungsrückgang, sondern nur eine Begabungsverschiebung,“ Wir sollten die Lehren daraus ziehen und unsere Erziehung danach richten. Viel, wenn nicht alles, hängt vom Geschick und dem Einfühlungsvermögen der Erziehenden ab.

Es ist freilich nicht allein die Menge des Lehrstoffs, der bewältigt sein soll; der Schule erwachsen zunehmend mehr erzieherische Aufgaben. Der Grund dafür ist die leider immer kleiner werdende Rolle, die die Eltern als Miterzieher ihrer schulpflichtigen Kinder spielen. Welche Mutter (soweit sie nicht als Mitverdienerin ohnehin ausfällt) gibt sich heute noch die Mühe, sich ihrer Kinder anzunehmen und etwa die Schulaufgaben zu beaufsichtigen? Vom Vater ganz zu schweigen! Wie aber soll die Schule auch diese Bürde noch tragen?

Schon müßte der Stundenplan täglich sieben oder acht Stunden zählen, wenn die Lehrpläne wirklich verantwortungsvoll eingehalten werden sollten. Eine mögliche Alternative scheint die Tagesheimschule zu sein. „Die Tagesheimschule“, schreibt der Pädagoge Dohmen, „erscheint... als die sinnvollste Möglichkeit moderner Gemeinschaftserziehung. Eine solche Tagesheimschule besuchen die Kinder von morgens halb neun bis nachmittags gegen vier oder halb fünf Uhr.“ Und weiter: „Wenn das Kind dann entlastet von seinen Hausaufgaben und auch körperlich ausgetummelt nach Hause kommt..., dann hat die häusliche Erziehung vielleicht noch mehr Ansatzmöglichkeiten, als sie die normale Familie bei uns heute ausfüllen kann.“

Das klingt alles sehr einleuchtend – und ist doch eine schreckliche Vision: Kinder wachsen in der aseptischen Umgebung der Schule auf, geschützt vor einer Umwelt, mit der sie einmal fertig werden sollen. Allerdings, die Ganztagsschulen sind ein Versuch; über ihre Tauglichkeit ist noch nirgends entschieden.

Wenigstens sind sie ein Versuch, der auch unternommen wird. Wir werden in der nächsten Ausgabe darüber berichten.