1. N., Jülich, im Mai

Dem Atomstrom als potentiellem Energieträger der Zukunft ist in der Bundesrepublik noch nicht einmal die Rolle einer Randfigur in der Energiediskussion zugefallen. Als „Atomland zweiter Ordnung“ bezeichneten darum Vertreter des Deutschen Atomforums die Bundesrepublik in einem Gespräch mit der Presse. Der Abstand zu anderen westlichen Ländern müsse sich sogar zwangsläufig weiter vergrößern, weil man hierzulande – von dem Zwang zu militärischer Forschung entbunden – auch die friedliche Nutzung der Atomkraft mit öffentlichen Mitteln nur äußerst sparsam dotiert.

So war in der vom Land Nordrhein-Westfalen mit geringen Zuschüssen des Bundes errichteten und betriebenen Kernforschungsanlage Jülich zu hören, daß die staatlichen Fördermittel für die Kernforschung im Jahre 1960 in der Bundesrepublik 0,88 pro mille des Bruttosozialprodukts betragen haben, 4,47 DM pro Kopf der Bevölkerung. Demgegenüber sind im gleichen Jahr in den USA 14,4, in Frankreich 22,6 (4,5 pro mille des französischen Sozialprodukts), in Schweden 14,5 und in den Niederlanden 6,4 DM pro Kopf der Bevölkerung aus öffentlichen Mitteln in die friedliche Kernforschung gewandert.

Die Nachbar- und (nicht zuletzt auch) Konkurrenzländer warten also mit einer recht imponierenden staatlichen Aktivität auf. So wird auch die Forderung der westdeutschen atominteressierten Wirtschaft – von einer Atomindustrie kann noch keine Rede sein –, daß sich der Staat stärker als bisher in der Kernforschung engagieren sollte, nicht nur mit dem Argument begründet, die Entwicklungskosten seien zu hoch, als daß sie allein oder auch nur überwiegend von einer nach Rentabilitätsgrundsätzen arbeitenden Industrie aufgebracht werden könnten. Auch zweckgerichtete Zusammenschlüsse mehrerer Großunternehmen würden nach Meinung der Experten noch nicht das finanzielle Fundament schaffen können, das zunächst einmal die Voraussetzung dafür wäre, den Anschluß an die Entwicklung in anderen Ländern zu bekommen.

Dem gelegentlichen Unbehagen, das nun einmal bei dem Ruf nach Vater Staat erwacht, wird mit dem Hinweis darauf begegnet, was in den anderen Ländern geschieht. Und dem Argument, daß es sich die Bundesrepublik als hochindustrialisiertes Land nicht leisten kann, den Aufbau einer eigenen leistungsfähigen Atomindustrie zu versäumen, wird man füglich folgen dürfen. Dies nicht nur, weil der Energiepreis, den die Kernkraftwerke eines Tages einmal bieten könnten, von entscheidender Bedeutung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Industrie sein, sondern auch, weil der Reaktorbau selbst ein Exportgeschäft ersten Ranges werden wird.

Für die Bundesrepublik sei es höchste Zeit, so sagen die Experten, daß endlich ein erster großer Leistungsreaktor gebaut werde, damit die deutsche Industrie Gelegenheit finde, eigene Erfahrungen auf dem Gebiet der Kernenergie zu sammeln, In erstes großes Atomkraftwerk – mit einer installierten Leistung von 240 Megawatt – soll in absehbarer Zeit von den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken zusammen mit dem Bayernwerk errichtet werden. Dem – ebenfalls vom RWE erbauten – Versuchskraftwerk in Kahl wird bis Ende nächsten Jahres ein weiteres Versuchskraftwerk folgen, das im Auftrage der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor GmbH – Gesellschafter sind Kommunen und öffentliche Elektrizitätsversorgungsunternehmen – von BBC und Krupp in Jülich gebaut wird.

Von größtem Interesse sind die Angaben, die in der Kernforschungsanlage am Niederrhein über den angepeilten Preis für die auf Kernenergiebasis erzeugte Kilowattstunde gemacht wurden. Man rechnet bereits heute mit absoluter Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Steinkohlenstrom. Aber das ist erst der Anfang. Weitere Möglichkeiten zur Kostensenkung im Kernkraftwerksbau sind nach Auffassung der Erbauer schon jetzt sichtbar. Wäre das nicht Grund genug, sich mit diesem Energieträger in spe eingehender zu befassen, ihn aber wenigstens nicht ganz außer Betracht zu lassen bei den langfristigen Überlegungen?