Eine Neuinszenierung des Nibelungenrings durch Wieland Wagner in Köln begann mit einer „Rheingold“-Aufführung, die von den Düsseldorfer Nachrichten als „ein Fazit aus Wieland Wagners zehnjährigem Ringen mit der Nibelungentragödie“ gewürdigt wird: „Gegenüber der ersten Bayreuther Version ist manche extravagante Eigenmächtigkeit aufgehoben, ist die mimische und gestische Loslösung von der ursprünglichen Starre erfolgt.“ Nach Bayreuther Erfahrungen wurde der Kölner Bühnenraum einer radikalen akustischen Veränderung unterzogen, so daß unter Wolf gang Sawallischs Musikleitung „das ganze Ensemble plötzlich unforciert, weich, nuancenreich Belcanto produzierte.“ Generalintendant O. F. Schuh „scheint endgültig seine Illusion vom ‚perfekten‘ Theater mit Starsängern begraben zu haben. Er wird den ‚Ring‘ mit seinem Ensemble bringen.“ Im „Rheingold“ brauchte er als Gast nur den großen George London als Wotan. „Einhelliger, ganz großer Erfolg.“

PFORZHEIM (Stadttheater):

„Christoph Schlau“, Kammeroper von Thomas Eastwood

An entlegener Stelle, doch mit prominentem Besuch aus England (unter anderem dem Leiter der Edinburger Festspiele Earl of Harewood) wurde ein „musikalisches Maskenspiel“, wie diese Kammeroper unter Anspielung auf ihre vielen musikalischen Zitate von der Stuttgarter Zeitung genannt wird, szenisch uraufgeführt. Bisher war sie nur in konzertanter Form von der English Opera Group gegeben worden. Ronald Duncan schrieb das Libretto zu dieser neuen Version von Shakespeares „Zähmung der Widerspenstigen“. Der Komponist Eastwood (1922 in England geboren) hat bei Boris Blacher in Berlin und bei Erwin Stein in London studiert. Der Kritiker der Welt billigt Eastwoods Musik zu, daß „sie köstlich im frühen Strawinskij-Stil sprudelt, der mit Blacher-Arabesken aufgefrischt erscheint, aber auch – und vor allem melodisch – viel von Werner Egk an sich hat... Leider weiß man nicht immer genau, ob Persiflage gemeint ist oder nicht ... Die Lyrik fällt gegenüber der Heiterkeit bedenklich ab. Dennoch dürfte diese dankbare Sängeroper in ihrem harmlosen, aber effektvollen Charakter ihr Publikum finden. In Pforzheim war man begeistert...“ (Musikalische Leitung: Heinz Finger, Inszenierung: Helmut Schonder.)

RECKLINGHAUSEN (Ruhrfestspiele):

„Der Belagerungszustand“ von Camus

Als zweite Eigeninszenierung, besetzt mit vorwiegend Berliner Schauspielern, soll diese Aufführung in 14 Städten vorgeführt werden. Obwohl „Der Belagerungszustand“ erst vor zwei Jahren als Frankfurter Gastspiel bei den Ruhrfestspielen gezeigt worden war, griff man abermals nach Camus’ dramatischer Auseinandersetzung mit Diktatur und Terror, weil das Stück vom Inhalt her geeignet erschien für eine „kulturelle Aktion Berlin-Ruhrfestspiele“. „Applaudiert wurde dem Versuch, am Beispiel der Stadt Cadiz die Situation in der Zone aufzuzeigen“, so deutet die Welt den „massiven Beifall“, den die Premiere auslöste, obwohl Hans Lietzaus Inszenierung dann von der Theaterkritik ziemlich einhellig als unbefriedigend bewertet wurde. „Lietzau leistete sich große Fehlbesetzungen“ (Die Welt). „Eine wahrhaft großstädtische Leistung. Preußischer Fleiß. Berliner Tempo. Aber – bemerkenswert ‚überzogen‘. Maschine, lautstark und unverständlich“ (FAZ). „Mehr Kälte als Kraft“ (Westdeutsche Allgemeine). „Wir haben selten eine der Konzeption nach so hervorragende, in der Realisierung aber so unausgeglichene, widerspruchsvolle Inszenierung gesehen“ (Düsseldorfer Nachrichten). In Hauptrollen: Ernst Schröder als „Pest“ („angetan wahrhaft schreckenerregend halb als Göring und halb als Erich von Stroheim“), Helmut Griem (Diego), Ruth Hausmeister (Sekretärin der Pest), Wolfgang Wahl (Nada).