Während derart schwacher Börsentage, wie wir sie in den letzten Tagen am deutschen Aktienmarkt erlebten, mußte mancher Aktionär bisher verborgene Eigenschaften des Aktienmarktes kennenlernen. Obgleich die Börsenbeobachter sich gegenseitig bestätigten, daß nunmehr das Kursniveau außerordentlich niedrig und interessant sei, wagte kaum einer von ihnen, seine Erkenntnis in einen Aktienkauf umzusetzen. Statt dessen wurden die bereits erreichten tiefsten Kurse seit Mai/Juni 1959 erneut und zwar kräftig unterschritten. Wer es trotzdem riskierte und vor einigen Tagen Standwerte wie die IG Farben-Nachfolger kaufte, geriet in eine fast atemberaubende Phase der Baisse hinein. Innerhalb von etwa zehn Tagen fielen international anerkannte Anlagewerte wie die Badischen Anilin um 100 Punkte. Obgleich die Kurse auf ein Niveau abgesunken sind, das rund 25 % unter dem Jahresbeginn und rund 50 % unter dem Höchststand von 1960 liegt, verharrten die Anleger in ihrer Zurückhaltung, dieselben Anleger, die noch vor Jahresfrist bereits nach jedem noch so kleinen Kursrückgang mit stürmischen Käufen einsetzten. In den letzten Tagen verschärfte sich die Abwärtstendenz laufend und nahm mit täglichen Abschlägen von 20 bis 50 Punkten ein Ausmaß an, wie es unsere Börsen seit der Währungsreform nicht mehr erlebt haben. Da bekanntlich die Baisse nur selten „einschläft“, sondern sich meistens in ihrer Schlußphase zu einem Wirbel steigert, wuchsen damit die Hoffnungen auf eine Wende in der Kursentwicklung.

Wie die Banken berichten, nahmen in den letzten Tagen die Fragen der Kundschaft, die Kaufaufträgen zumeist vorausgehen, erheblich zu. Allerdings ist diesmal jeder Anleger besonders bemüht, lieber einige Tage nach einem Umschwung als zu früh „einzusteigen“. Der Aktionär hat in den hinter uns liegenden Monaten gelernt, daß die einzig gültige Antwort auf die Frage, wann ein Aktienkurs zum Kauf berechtigt, nur in dem Ausmaß der Hoffnung des Publikums auf Kursgewinne zu suchen ist. Solange die Anleger nicht mit in Kürze steigenden Kursen rechnen, interessieren sie sich weder für optisch niedrige Kurse oder überdurchschnittlich hohe Renditen. Verfechter des Renditendenkens, des Sachwertprinzips oder die Anhänger von Untersuchungsmethoden wie die der „price-earning-ratio“ usw. dürften in letzter Zeit an ihren Theorien verzweifelt sein; stieg doch zum Beispiel die Rendite der Hüttenwerke Oberhausen auf Grund der Kursrückgänge seit Jahresbeginn von etwa 5 1/2 % auf beinahe 8 %! Bei den IG-Farben-Nachfolgern kann sich heute der Käufer eine 4 1/2prozentige Rendite errechnen. Auch für die spekulativ eingestellten Aktienkäufer gibt es genügend anziehende Tatsachen, zum Beispiel ist die Daimler-Aktie erstmals seit Jahren unter die optisch so wichtige 1000er Grenze gefallen.

Keines all dieser Ereignisse lockte die Anleger aus ihrer Lethargie hervor. An der Börse ist man jedoch davon überzeugt, daß das Publikum bei einer Beruhigung oder einer Kurserholung eben auf Grund dieser Tatsachen Gewinnchancen wittern und zügig kaufen werden. Es herrscht sogar die Meinung vor, die deutschen Börsen hätten vor allem deshalb ins Negative übertrieben, weil sie in den letzten Wochen dem scharfen Rückgang der Kurse an der Wallstreet folgten, obgleich sie den vorhergegangenen Anstieg der amerikanischen Kurse nicht miterlebt hatten. Aber gerade in der Übertreibung liegt das wirksame Heilmittel der Börse. Erst dadurch, daß die Kurse beträchtlich unter den Stand gesunken sind, der durch das veränderte Konjunkturklima und die gesunkenen Gewinnspannen berechtigt zu sein scheint, können sich die Anleger wieder für die Börsenstimmung ausschlaggebenden Gewinnchancen ausrechnen.

Eine bessere Stimmung am Aktienmarkt ist vor allem für die Unterbringung der jungen Aktien aus der Kapitalerhöhung der Farbwerke Hoechst dringend notwendig. Der Umfang der Emission, sie erfordert etwa 200 Millionen DM, liegt zwar durchaus im Rahmen unseres Marktes, jedoch bereiten die umfangreichen Posten an Farbwerke Hoechst Aktien bei den deutschen Investmentgesellschaften Sorge. Die Investmentgesellschaften haben sehr wahrscheinlich nicht genügend Barmittel, um die auf sie entfallenen Bezugsrechte ausnützen zu können. Vielmehr benötigen sie für ihre Ausschüttungen zusätzliche Barmittel, die üblicherweise aus Verkauf von Bezugsrechten gewonnen werden. Bei der scharfen Abwärtsbewegung der Aktienkurse in den letzten Tagen hatte es daher den Anschein, daß Banken und andere Anleger durch Verkauf von alten Aktienbeständen sich Spielraum für die Aufnahme der möglicherweise recht „billigen“ jungen Farbwerke-Hoechst-Aktien geschaffen haben. In Zürich wurde am letzten Wochenschluß für das Hoechster-Bezugsrecht ein Kurs von nur 10 1/2 % gezahlt, d.h. 380 % für die junge Aktie. Die Hoffnung ist nur, daß die außergewöhnlich umfangreiche Vorbereitung auf diese Kapitalerhöhung ihre Unterbringung leichter werden läßt als erwartet. Mei