Den Schleier des Geheimnisses um die Investitionspolitik der Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation AG, Bochum hat die Verwaltung nunmehr gelüftet. Das Rätselraten, wohin die Reise bei diesem Unternehmen gehen soll, ist beendet. Die Verwaltung hat die Karten aufgedeckt: Ein für die nächsten fünf Jahre projektiertes Investitionsprogramm von 400 bis 500 Mill. DM. – Das entspricht nahezu der Summe, die in den vergangenen 10 Jahren aufgewendet worden ist. Der Bochumer Verein läßt sich den Anschluß an die Zukunft offenbar etwas kosten.

Die eigentliche Überraschung der umfangreichen Ausbaupläne ist eine Art Flurbereinigung im Krupp-Konzern, in dessen Verbund das Bochumer Unternehmen als jüngstes Mitglied der Familie zunehmend integriert wird. Das jetzt bekanntgegebene Investitionsprogramm wird gemeinsam mit der Capito & Klein AG, Düsseldorf (bis auf einen geringen Aktienrest gehört dieser Edelstahlerzeuger der Familie Krupp) verwirklicht werden. Mit der in Aussicht genommenen Zusammenarbeit der beiden Unternehmen wird nicht nur eine sinnvolle Produktionsabstimmung innerhalb der „verschwägerten“ Werke erreicht, sondern zugleich dokumentiert, daß die Bochumer Gesellschaft ihr Heil im Edelstahlgeschäft suchen wird. Sie ist auf. diesem Gebiet zwar kein Neuling, aber die Ausweitung dieses Geschäfts wird das Gesicht des Unternehmens entscheidend verändern.

Für den Bochumer Verein war das Problem einer Erweiterung seiner Produktionsbasis seit Jahren akut. Daß die Weichen für die Reise in die Zukunft hier vergleichsweise spät gestellt worden sind, lag vorwiegend daran, daß das Unternehmen relativ spät eine neue Konzern-Heimat gefunden hat. Nun also wird es sich betont zu einem Edel- und Qualitätsstahlerzeuger entwickeln. Die Zusammenarbeit mit Capito & Klein kann für beide Teile von Vorteil sein. In welcher Form sie sich vollziehen wird, ist noch nicht bekannt. In einer Pressekonferenz sprach Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Heinrich Deist von einer „sehr engen Zusammenarbeit“ und „etwaigen gesellschafts-rechtlichen Konsequenzen“. Jedenfalls ist mit einem Zusammengehen zu rechnen, das der Genehmigung durch die Hohe Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl bedarf. Gegenwärtig werden in Luxemburg zunächst einmal Sondierungsgespräche geführt; exakte Anträge sind noch nicht gestellt.

Im Rahmen des Investitionsprogramms, so wurde bekanntgegeben, wird das größte Projekt in Bochum eine Spezial-Warmbandstraße sein. Den Run auf die Breitbandstraßen glaubt die Verwaltung aber nicht mitzumachen; denn die neue Anlage soll ausdrücklich auf Qualitäts- und Edelstähle ausgerichtet werden. Sie wird auch Capito & Klein zur Verfügung stehen. Es ist geplant, die dortige Warmbandstraße nach den Bochumer Investitionen stillzulegen und dafür die Kaltwalzanlagen für rostfreie Bleche und Bänder auszubauen. Damit wäre eine vielversprechende Arbeitsteilung und Spezialisierung erreicht. Ob sie den Segen der Hohen Behörde erhalten wird, bleibt abzuwarten.

Zu den Bochumer Investitionsprojekten gehört außerdem eine Sinteranlage mit einer Kapazität von 115 000 t/Monat. Die Verwaltung hofft auf diese Weise den noch relativ hohen Kokseinsatz des Unternehmens, der bei 900 kg liegt, zu reduzieren.

Über die Finanzierung der umfangreichen Investitionen, die immerhin ein Vielfaches des gegenwärtigen Grundkapitals betragen, wurden noch keine konkreten Angaben gemacht. Die bereitgestellten Mittel und das Abschreibungsvolumen beider Werke werden jedoch nicht ausreichen, um das Programm verwirklichen zu können. Vermutlich wird neben den Möglichkeiten einer konzerninternen Finanzierung auch der Kapitalmarkt in Anspruch genommen werden.

Im vergangenen Geschäftsjahr hat der Bochumer Verein erneut bewiesen, daß der ehemals „kranke Mann an der Ruhr“ gesund geworcen ist. Die Verwaltung weist darauf hin, daß die Investitionsanstrengungen der vergangenen Jahre bereits spürbare Erfolge gezeitigt haben. Das Unternehmen hat im Geschäftsjahr 1961 besser verdient, als man bei einem ersten Blick auf die Zahlen vermuten könnte. Die Produktionsentwicklung entspricht der bei den übrigen Stahlwerken. Die Stahleisenerzeugung sank um 5,7 % auf 1 Mill. t, die Rohstahlproduktion erscheint mit 1,47 Mill. t um 5,3 % geringer, die Halbzeugproduktion verringerte sich um 4,3 % und Walzwerksfertigerzeugnisse sogar um 13,5 %.