J. K. Paris, im Mai

Der Rückgang der Kurse an der Pariser Börse in den ersten Maiwochen hat – neben ausländischen Einflüssen – vor allem innenpolitische Gründe. Börse und Wirtschaft beginnen unruhig zu werden. Zwar sind die Produktionsvorausschätzungen weiterhin günstig, zwar nehmen die Währungsreserven weiter zu, zwar bleibt der Außenhandel aktiv –, aber der politische Horizont verdunkelt sich. Der erste algerische Krieg wurde durch die Abkommen von Evian beendet, doch schon entwickelt sich der „zweite“ algerische Krieg. Seine Rückwirkungen auf die Finanzen des Staates – und damit auch auf die Wirtschaft – sind noch nicht zu übersehen, aber der Preis muß bezahlt werden und wird auf jeden Fall beide schwer belasten.

Das soziale Klima verschlechtert sich. Preise und Löhne steigen weiter im bisherigen Tempo und belasten die Produktionskosten immer stärker. Die Gewinnspannen der Industrie schrumpfen zusammen, da die Preise seit der Franc-Sanierung nur wenig gestiegen sind. Dadurch ist die Wirtschaft bisher der ausländischen Konkurrenz gegenüber wettbewerbsfähig geblieben, doch befürchtet sie nun, daß die Periode der gesunden Prosperität bald zu Ende geht, da sie vor folgendem Dilemma steht: Entweder muß sie ihre Preise erhöhen, um ihre Investitionsprogramme zu finanzieren und der sich verschärfenden internationalen Konkurrenz durch Modernisierung ihrer Betriebe und Produktionsmittel gewachsen zu bleiben, oder aber sie muß ihre Investitionspläne kürzen und damit riskieren, den Anschluß an die großen Industrieländer wieder zu verlieren.

Die Wirtschaft fühlt sich von der Regierung im Stich gelassen, weil diese offensichtlich zuerst den Lohnempfängern ihre mit Rücksicht auf den Algerienkonflikt immer wieder zurückgestellten Lohnforderungen soweit wie möglich zu erfüllen gedenkt. Die Gewerkschaften sehen ihre Stunde gekommen, und der neue Premierminister Georges Pompidou, von de Gaulle und der Mehrheit seiner Minister gestützt, scheint bereit, die „Flucht nach vorne“ wagen und den Lohnempfängern einen großen Teil ihrer Forderungen noch vor den Sommerferien erfüllen zu wollen. Die kleinen Gehälter im öffentlichen Dienst sind bereits erhöht worden. Der garantierte Mindeststundenlohn wird am 1. Juni um 2,45 % erhöht und soll im Herbst noch einmal erhöht werden, selbst wenn die Preisentwicklung nicht dazu zwingt.

Die Gewerkschaften fordern ferner eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnkürzung auf das gesetzlich seit langem festgesetzte Niveau von 40 Stunden in der Woche. Seit Jahren liegt der Durchschnitt über 45 Stunden, in einigen Industriezweigen sogar bei 47 bis 48 Stunden. Pompidou hat dazu erklärt, daß eine Arbeitszeitverkürzung bei der angespannten Arbeitsmarktlage jetzt nicht möglich sei, aber 1964 oder 1965, wenn die erste Nachkriegsgeneration in den Arbeitsprozeß eingesetzt wird und die Armee weniger Soldaten beansprucht, ins Auge gefaßt werden könne.

Auf die Lohnentwicklung in der Privatwirtschaft will der neue Premierminister nicht einmal durch Mahnbriefe einwirken, wie es seinVorgänger Debré – allerdings ohne Erfolg – mehrmals getan hat. Die Löhne sind im ersten Vierteljahr um ungefähr 2 % gestiegen, also etwas mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres, das einen Jahreszuwachs von 8 % bis 10 % brachte.

Pompidou ist anscheinend der Ansicht, daß die soziale Ruhe einen „Schuß Inflation“ wert ist, den die Wirtschaft wohl ertragen könnte, weil in einigen der größten Industrieländer die gleiche Entwicklung festzustellen ist. Er will offensichtlich nach dem Rezept des früheren Finanzministers Baumgartner verfahren, daß finanzielle Dummheiten erlaubt seien, solange sie nicht das in anderen Ländern festgestellte Maß übersteigen.

Ist man aber in Paris wirklich überzeugt, daß der in anderen Ländern festgestellte inflationistische Trend im gleichen Maße wie bisher anhält? Oder tut man nur so, um die sich anbahnende Neuorientierung der französischen Finanzpolitik zu rechtfertigen? Dies sind die großen Fragen, die man in hiesigen Wirtschaftskreisen stellt.