Die Belletristik, vor wenigen Wochen noch gänzlich aus dem Seller-Teller verdrängt, ist. wieder zu ihrem Recht gekommen, auf der ganzen Linie und in allen ihren Gattungen: dem Roman, dem Drama, der Erzählung und sogar der Lyrik. Es ist das erste Mal, daß eine Gedichtsammlung auf den ersten Platz des Seller-Tellers vorrückt; doch da Rilkes Gedichte, für viele immer noch der Inbegriff jeglicher Lyrik, in dieser Vollständigkeit sonst nur in der vierbändigen Gesamtausgabe enthalten sind, die immerhin 128,– DM kostet, ist die Nachfrage nach dieser einmaligen Sonderausgabe auf Dünndruckpapier sehr verständlich.

Wie häufig in den letzten Monaten, gibt es auch diesmal mehr als ein Buch der Neunzehn; die dritte Prosa-Anthologie, von Walther Karsch für Herbigs Verlagsbuchhandlung zusammengestellt, siebenundzwanzig Originalerzählungen lebender deutscher Autoren, ist wieder ein Zeichen dafür, daß es mit der Abneigung des deutschen Lesers gegen Kurzgeschichtenbände, zeitgenössische zumal, doch nicht so weit her sein kann, wie man immer wieder sagen hört.

„Andorra“: da ging der Vorhang zu, aber die Fragen blieben offen, man nimmt sich den Text noch einmal vor, den Blick zu schärfen für das Andorranische im eigenen Gebaren und in dem der Mitmenschen und Mitunmenschen.

Und dann die beiden Romane. Auf die verschiedenen dramatischen Höhepunkte und Spannungsmomente in der Geschichte des sanften Rinser-Geschöpfes Marie-Catherine, ihrer unvollkommenen Ehe, aber vollkommenen Freude, hat Marcel Reich-Ranilcki in unserer letzten Ausgabe bereits schonend aufmerksam gemacht. Ihr noch voraus in der Gunst des Lesers (und der Leserin!) ist der 1960 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Erstlingsroman der sechsunddreißigjährigen Harper Lee, der sich durch den Vorabdruck in der „Welt“ noch Tag für Tag dem auf gelinde Lektüre erpichten Leser empfiehlt: Die Erlebnisse eines kleinen Mädchens im tiefsten Süden der USA, liebenswürdig, bei aller Milieu-Echtheit zuversichtlich (die Menschen sind doch ziemlich nett), voller leisen Humors, viel mehr Mark Twain als Faulkner, und wem die Nachtigall im Titel zu irgendwelchen Befürchtungen Anlaß gibt, der sei getrost: in Amerika, auch in Alabama, gibt es diese romantische Vogelfamilie nicht, der deutsche Titel flunkert, im Originaltitel liest man „mockingbird“, und das ist die Spottdrossel. D. E. Z.