Finanzielle Verlockungen für junge Paare – Darlehns-Termine bestimmen den Hochzeitztag

Von Ortwin Fink

Plötzlich ging alles sehr schnell. Wie fortgeblasen schienen die geheimen, jahrelang genährten Jungmädchenträume von einer angemessenen Brautzeit, die es in gegenseitiger Erprobung und beim abendlichen Auszeichnen der Wäsche mit Monogrammstickerei auszukosten gelte; in der die Knospen sehnsüchtiger Wünsche behutsam vorbereitet werden zum kurzen Erblühen in der Realität: Brautschleier, Hochzeitsprogramm – schließlich auch jener Augenblick, da der Bräutigam seine frisch Angetraute zum erstenmal über die Schwelle des neuen, eigenen Heimes trägt. „Eigentlich“ sollte dies alles sein, und Renate wollte deshalb erst im Oktober heiraten. In diesen Tagen jedoch überraschte sie ihre Bürokolleginnen nach dem morgendlichen Postsortieren mit der nüchternen Eröffnung: „Stellt euch vor, mein Zukünftiger schreibt, daß wir am nächsten Donnerstag schnell mal heiraten müssen. Wegen des Pendler-Darlehens, das wir noch für unseren Hausbau brauchen, und auch wegen des Steuertermins am 31. August. Natürlich bleibt sonst bis Oktober alles andere beim alten ...“

Es scheint indessen, daß kaum noch etwas „beim alten“ geblieben ist. Das-Vokabular der verlobten Turtel-Pärchen aus der Gartenlauben-Zeit wich modernen Brautstandsbegriffen, die den Gesprächsgegenstand „Ehe“ in der Managersprache umschreiben... „Splittingverfahren“, „Trennungsentschädigung“, „Verwaltungsgebühr“, „Sparvertrag“, „Personaldarlehen“, „Ballungsgebiet“, „Pendlerdarlehen“, „Tilgungsrate“ und „unverzinslich“ – ist das heute der Wortschatz der Heiratskandidaten beim Händchenhalten auf der Parkbank?

Ein Standesbeamter bestätigt den Verdacht: „Gleich nach der Liebe bestimmen so äußerliche Faktoren wie Wohnungsbau und Steuervergünstigung den Termin der Heirat – der dann meistens viel früher liegt als eigentlich beabsichtigt. Eigentlich, das heißt: Zu heiraten im Minne-Monat Mai, oder, am Hochzeitstag der Eltern, oder unterm Tannenbaum – und vor allem: erst, wenn alles beisammen ist. Heute aber heiratet man vielfach, weil man erst dadurch etliches erhält, was für die Ehe notwendig ist. Der Staat zahlt auf die Heiratsurkunde ganz schön drauf.“

Steuer-Heiraten im August

Schon die Statistik der Eheschließungen in den letzten 50 Jahren belegt das.