Die „Rache“ eines Oberpostdirektors

-ge, Bremen

Oberpostdirektor Dr. Hans Murken, Personalreferent bei der Oberpostdirektion Bremen, ist im allgemeinen das, was man einen verträglichen Menschen zu nennen pflegt. Mit manchen anderen hochgestellten Beamten teilt er jedoch die nicht gerade sympathische Neigung, jede Kritik an seiner Behörde als eine persönliche Beleidigung aufzufassen. Diesem, Hang – gepaart mit der Vorstellung, den Staat selbst dort schützen zu müssen, wo es gar nicht nötig ist – verdankt es der wackere Oberpostdirektor, daß er dabei ist, sich weithin lächerlich zu machen.

Das war vorgefallen: Dr. Murken besitzt in der niedersächsischen Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck in unmittelbarer Nähe Bremens ein Haus, das er vor Jahren einem Journalisten vermietete. In dem Vertrag wurde festgelegt, daß dieses Mietverhältnis erstmals 1963 kündbar sein sollte. Die Beziehungen zwischen dem Mieter und dem Oberpostdirektor, der im Nebenhaus wohnt, ließen sich gut an und boten auf beiden Seiten keinen Anlaß zu Beschwerden – bis die Bundespost den Bundesbürgern Anfang des Jahres die Postleitzahlfibel ins Haus schickte.

Überall in den deutschen Landen stieß diese Fleißarbeit, die der Bundespost die Möglichkeit zu weitgehender Rationalisierung im Briefverkehr geben soll, zunächst auf Ablehnung und Kritik. Natürlich auch in Osterholz-Scharmbeck. Eine Flut von empörten Leserbriefen ergoß sich in die Redaktionsstuben der Zeitungen. Auch das Blatt, bei dem der Mieter des Oberpostdirektors angestellt ist, veröffentlichte einen Teil dieser Briefe. Der Redakteur schrieb jeweils ein paar Einleitungszeilen dazu. Gerade das aber brachte ihm nun den Ärger ein.

Der Oberpostdirektor faßte das „schriftstellerische“ Bemühen seines Mieters offensichtlich als persönliche Kränkung auf und bedeutete ihm, er habe zum „nächstmöglichen Termin“ das Haus zu räumen. Begründung: „Diskriminierende“ Artikel über die Bundespost seien in jedem Fall eine schlimme Sache. Wenn ein solcher Artikel aber dazu noch von einem Mann geschrieben werde, der in dem Haus eines Oberpostdirektors wohne, dann gehe das entschieden zu weit.

Vergeblich bemühten sich daraufhin der Journalisten- und Verlegerverband, die Sache gütlich und ohne Aufsehen aus der Welt zu schaffen. Doch das nützte nichts: Dr. Murken blieb hart. Selbst der Bundespostminister, von den Verbänden als Vermittler angerufen, sprang nicht in die Bresche. Von zwei Beamten ließ er „im Auftrag“ mitteilen, sein Haus sehe keinen Anlaß, sich einzuschalten; „dienstliche Belange“ seien da nicht berührt worden. Daß die ganze Sache durch ihre Postleitzahlen in Gang gebracht worden war, übersahen die Bonner Briefschreiber geflissentlich.

So muß also der Journalist spätestens 1963 das Haus des Oberpostdirektors räumen. Herrliche Aussichten für Journalisten, die in Häusern von Beamten wohnen...