Neuer Stil für die deutsche Entwicklungshilfe? – Amerikanische Erfahrungen nützen

Von Lutz Köllner

Das Jahr 1962 wird ein bedeutsames, wahrscheinlich ein entscheidendes Jahr der vieldiskutierten Entwicklungshilfe der Bundesrepublik für entwicklungsfähige Länder werden. Nicht aber etwa, weil erstmals der volle geplante Betrag in Höhe von etwa 3 bis 3,5 Mrd. DM, das sind etwa 1 % des westdeutschen Bruttosozialproduktes, für Entwicklungsländer ausgeworfen werden soll, sondern weil es sich erweisen wird, ob es gelingt, die Entwicklungshilfe als bisher umfangreichstes und bedeutendstes außenwirtschaftspolitische Konzept seit Gründung der Bundesrepublik zwischen der Scylla einer perfekten Institutionalisierung und der Charybdis einer schon mehr als einmal falsch verstandenen „Exportförderung“ durchzusteuern.

Die öffentliche Diskussion um einen westdeutschen Entwicklungsbeitrag hat weite Kreise nicht nur der unmittelbar Betroffenen erfaßt, so daß es zweckmäßig ist, sich daran zu erinnern, welche Phasen die Erörterung der westdeutschen Entwicklungshilfe bisher erlebte.

Die erste Phase war die der stillen Gelehrtenarbeit. Wenige professionelle Nationalökonomen beschäftigten sich mit den künftigen Fragen der Entwicklungshilfe, als vor Jahren sich die westdeutsche Zahlungsbilanz zu aktivieren begann und als voraussehbar wurde, daß eines Tages die Bundesrepublik zum Kapitalexporteur werden würde. Die Berechnungen, die schon vor fünf oder sechs Jahren in deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Instituten über den möglichen künftigen Umfang eines westdeutschen Kapitalexportes angestellt wurden, decken sich im wesentlichen mit den Plänen der Regierung vom vergangenen Jahr.

Gewiß konnten die deutschen Nationalökonomen seinerzeit an wissenschaftliche Vorarbeiten anknüpfen, die ihre angelsächsischen Kollegen bereits vorgelegt hatten. Dennoch mußten sie von vornherein die besonderen westdeutschen Verhältnisse berücksichtigen. Ehe die Öffentlichkeit von Entwicklungshilfe auch nur einmal gehört hatte, konstituierten sich bereits wissenschaftliche Gremien in der Bundesrepublik, die sich mit den Fragen eines künftigen westdeutschen Kapitalexportes beschäftigten.

Kollektivschuld abtragen?