Von Rolf Zundel

Es war – wer wollte es bestreiten – ein großer Auftritt. Eine Stunde lang mochten die Delegierten des CDU-Parteitags am Sonntag geglaubt haben, die Ära Konrad Adenauer sei noch lange nicht zu Ende, und manche von ihnen glauben es wohl heute noch. Bald hart und angriffslustig, bald ironisch und süffisant, zog der Bundeskanzler alle Register, wischte mit einer einzigen Handbewegung die verschiedensten Bedenken hinweg, formierte mühelos mit einer gebieterischen Geste die Schlachtordnung der CDU. Viele, die gekommen waren, Kränze am Denkmal Adenauers niederzulegen, marschierten plötzlich wieder, dem alten Kommando gehorchend, in Reih und Glied ehrfürchtig an ihm vorbei.

Das gleiche Bild also auf allen Parteitagen? Geschlossene Formation, Disziplin – denn es gilt ja, sich im Landtagswahlkampf einig und stark zu zeigen. Für die Zukunft, für den Tag X, den Tag nach Adenauer – Probe-Exerzieren, taktische Manöverübungen. Dies ist der erste, oberflächliche Eindruck der Parteitage der FDP, SPD und CDU in Düsseldorf, Köln und Dortmund, aber er trügt. Denn wenn es auch dem Fußvolk der Parteien noch nicht ins Bewußtsein gedrungen ist, es gibt keinen Tag X, der das Ende der Ära Adenauer sein wird. Eine Ära endet nicht an einem Tag. Und ohnehin: die Adenauers ist schon vorbei.

Was ist denn – oder besser: was war denn – das Charakteristikum jenes Zeitabschnitts, das von Adenauer geprägt worden ist, das aber auch ihn geprägt hat? Es war die Zeit des politischen Ausnahmezustandes der Bundesrepublik.

In den fünfzehn Jahren nach Kriegsende standen die politischen Führer der Bundesrepublik unter dem Zwang, große grundsätzliche Entscheidungen zu treffen, in der Außenpolitik, der Verteidigungspolitik und in der Wirtschaftspolitik. Die Entscheidung für die politische und militärische Gemeinschaft mit dem Westen, für eine europäische Integration, für die soziale Marktwirtschaft hat die CDU unter Führung von Adenauer durchgefochten. Und es ist heute nur noch eine Frage für den Historiker, ob damals nach Kriegsende und vielleicht noch 1952 oder 1955 ein grundsätzlich anderer Weg in der Außenpolitik möglich gewesen wäre. Vermutlich nicht. Und auf jeden Fall führt heute kein Weg mehr dorthin zurück. Das damalige Programm der CDU ist in seinen Grundzügen inzwischen Allgemeingut der politischen Parteien geworden.

Ein zweites Charakteristikum der Ära Adenauer: Bis 1960 etwa gab es in der Bundesrepublik nur eine Volkspartei, die CDU. Die Union hatte als erste deutsche Partei konsequent den Schlußstrich unter das alte Parteiensystem gezogen. Nicht mehr soziologische Herkunft, nicht mehr Religionsbekenntnis oder landsmannschaftliche Bindung, nicht mehr Sonderinteressen waren bestimmend. Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Bauern und Angehörige freier Berufe konnten alle in der Union eine Heimat finden. Das einigende Band war die gemeinsame christliche Grundüberzeugung.

Das dritte Charakteristikum schließlich, jenes, von dem diese Ära ihren Namen hat: die Person Konrad Adenauers. Es mag sein, daß als integrierende Kraft der CDU die Gestalt des Bundeskanzlers wichtiger geworden ist als das C im Parteinamen. Adenauer war prädestiniert dazu, Grundsatzentscheidungen zu fällen und sie durchzukämpfen; ein Mann, der alles schwarz-weiß sah: dort den totalitären Atheismus und hier Christentum, dort die klassenkämpferische Sozialdemokratie, hier die christliche Volkspartei – ein Mann, der sich nicht wandelte. Aber wandelte sich nicht die Welt?