Von Hermann Riedle

Wenn die Börse Bocksprünge macht, dann kann das unangenehme Folgen für die Wirtschaft haben und überdies recht kostspielig sein. Solche Bocksprünge haben den Kurswert der Aktien in New York in wenigen Stunden um 120 Milliarden Mark leichter gemacht. Und auch in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, in London und Tokio blies ein steifer Baisse-Wind. Jeder Aktionär, der sich aber durch den närrischen Verkaufstaumel ins Bockshorn jagen ließ, hat mit seinem guten Geld bezahlen müssen. Wieder einmal waren jene klug und weise, die gegen den Ström schwammen und auf ihren Papieren sitzenblieben. Sie haben sich zwar keine Gewinne geholt, aber immerhin nach zwei, drei Tagen der Ernüchterung feststellen können, daß sie ihr Scherflein nicht vertan hatten.

Die Baisse, so mußte man vor allem in New York und in der Schweiz konstatieren, trägt in sich selbst gewisse Korrekturmechanismen. An diesen beiden Märkten kann zwar offiziell auf Termin gehandelt werden, und diese Art des Geschäfts bringt es mit sich, daß eine übertriebene Aktion in einer Richtung durch spekulative Reaktionen in der Gegenrichtung verhältnismäßig schnell aufgefangen wird. Bei den deutschen Börsen, wo man das Termingeschäft nicht kennt, liegen die Dinge etwas anders. Die rückblickende Beurteilung des düsteren Börsengeschehens am 28. und 29. Mai läßt erkennen, daß die eigentliche Verschärfung des allgemeinen Kursbruchs nach unten größtenteils einer technisch bedingten Marktreaktion zuzuschreiben ist.

Man kann in New York, in Zürich und in Frankfurt Aktienwerte kaufen, indem man nur einen Teil der Kaufsumme einschießt, sich einen bestimmten Prozentsatz des gesamten Betrages aber durch einen Effektenkredit beschafft. In New York ist diese Kreditgrenze seit Herbst 1960 auf 30 % festgelegt, in Deutschland kann man nicht ganz genau sagen, in welchem Umfang jeweils die Effekt tenkredite gewährt werden. Für gewisse Kunden mag das Limit sehr wohl über 30 % hinausgehen. Wenn nun eine stete Senkung des Kursniveaus die Bezugsgröße für den Kredit, nämlich den addierten Kurswert der Aktien, herunterdrückt, dann werden folgerichtig die von den Banken gewährten Kredite gekürzt. Die Käufer, man mag sie in dem Fall etwas prägnanter mit dem Begriff „Spekulanten“ umschreiben, können also von ihren Banken gezwungen werden, Teile des erhaltenen Effektenkredits zurückzuzahlen. Um sich aber gerade in einem solchen Zeitpunkt flüssige Mittel zu schaffen, muß mancher der Anleger dann auf Papiere verzichten; er muß eventuell aus seinem Portefeuille verkaufen und drückt so mit seinem Verhalten wiederum auf die Kurse. Dieser unglückliche Zirkel kann sich sehr schnell drehen, wie der Baisse-Anfall neuerlich zeigte. Auf diesen technischen „Defekt“ hin zielten denn auch die Ratschläge, die von Börsenfachleuten der Wall Street sofort dem Federal Reserve Board und der Regierung gegeben wurden: Man setze einfach die Kreditgrenze herauf und senke damit die Einschußpflicht für die Anleger, dann werde der circulus vitiosus gebrochen. Die Kreditnehmer wären somit der unangenehmen Pflicht, Geld durch weitere Verkäufe flüssig zu machen, enthoben worden.

Da die allgemeine Wirtschaftslage diesseits und jenseits des Atlantiks durchaus nicht einen Zusammenbruch der Börse in dem Maße rechtfertigte, wie er sich am Montag und Dienstag vergangener Woche abspielte, kann man ohne Übertreibung behaupten, daß im Mechanismus der Börse selbst etwas nicht in Ordnung war. Wir stehen nicht an zu behaupten, daß der Effektenkredit in der Art, wie er hier und anderswo gepflegt wird, sehr fragwürdig ist. Solange man an der Börse unter Einsatz seines eigenen Vermögens handelt, solange man aus „eigener Substanz“ Kursverluste trägt, solange kann keine technische Reaktion zur Panik führen. Wenn aber dieses Spiel sich auf den „tönernen Füßen“ des Kredits bewegt, muß es den Keim des Zusammenbruchs in sich tragen. Der Effektenkredit verdient jetzt mehr denn je eine schlechte Note. (Vgl. auf S. 20: „Effektenkredite heizen die Hausse an“.)

Um sich ein Bild von der panikartigen Stimmung an der New Yorker Effektenbörse zu machen, muß daran erinnert werden, daß etwa 20 Millionen Amerikaner Aktienbesitzer sind und allein am Dienstag (29. Mai) 14,7 Millionen Transaktionen über das Börsenparkett liefen (9,3 Millionen am Montag und 10,7 Millionen am Donnerstag). Der Tiefststand des Dow-Jones-Index für Industriepapiere lag bei der Marke 565 und stand somit mehr als 150 Punkte unter dem Hausse-Niveau vom Herbst 1961. Da aber auch die Baisse-Spekulanten nicht verkaufen können, was sie nicht besitzen, mußten sehr schnell Kaufreaktionen eintreten, die die Kurse wiederum nach oben tendieren ließen. Und so kam es denn nach dem Börsensonntag (der Mittwoch war der Memorial Day) zu beachtlichen Kursgewinnen, die etwa vier Fünftel des Kursniveaus von der Vorwoche zurückgewinnen ließen.

Manchem Anleger wird die Frage auf der Zunge brennen, wie sich denn in nächster Zeit die wirtschaftliche Entwicklung gestalten werde. In Deutschland ist man durch die vielen Lohnforderungen der vergangenen Monate hellhörig geworden. Die Preise neigen zwar immer noch zu einem leichten Anstieg, können aber nicht mehr ohne Rücksicht auf den Wettbewerbsdruck des Marktes nach oben korrigiert werden. Der Bundeswirtschaftsminister hat sich vor einigen Wochen recht deutlich vernehmen lassen und führt jetzt eine Kampagne für das Maßhalten. Er will den deutschen Übermut in allen Schichten etwas zurückdämmen. Man anerkennt heute, daß die Aufschwungskraft der Wirtschaft nicht mehr in der gleichen Stärke weiterträgt, wie man’s in den letzten zwei, drei Jahren gewohnt war, ja, als selbstverständlich hinnahm. In Amerika liegen die Dinge ähnlich, mit dem „kleinen“ Unterschied allerdings, daß die Wirtschaft dort schon durch mehrere Nachkriegsrezessionen hindurchging und also der Prosperität nicht mehr so rückhaltlos vertraut wird wie hierzulande. Wenn sich der Börsenschlag in diesem Sinne als ein Signal zur Vernunft auswirken würde, dürfte man den Kursverlust der vergangenen Woche doch mit einigen Pluspunkten zu Buche setzen.