Aus dem alten Europa“ hat Helene von Nostitz einst ihre Lebenserinnerungen genannt. Das alte Europa, in dem „die Lichter noch nicht ausgegangen waren“, liegt heute wie eine Fata Morgana, wie ein mythologisches Ereignis vor unseren zurückgewendeten Augen, farbenfroh und bereits Geschichte, wie es 1960 die große Europarat-Ausstellung in Paris, „Die Quellen des 20. Jahrhunderts“, gezeigt hat.

Nach den Erinnerungen der Herzogin von Marlborough-Vanderbilt, nach denen der Misia Sert, der Gertrude Stein, kommen aus dieser Epoche nun jene der Lady Diana Cooper nach Deutschland, ein geschickt angefertigtes Destillat in einem Band, aus den drei Bänden der englischen Originalausgabe gewonnen:

„Memoiren der Lady Diana Cooper“, aus dem Englischen übertragen von Maria Wolff; Insel-Verlag, Frankfurt; 355 S., 29 Abb., 24,80 DM.

Lady Diana Cooper – man denkt sofort, an Duff Cooper, englischer Botschafter in Paris, Empire-Repräsentant im Fernen Osten und ausgezeichneter historischer Schriftsteller, dessen Talleyrand-Biographie auch in Deutschland mit Recht ihre Freunde hat; Lady Diana ist Duffs Frau gewesen, seine sehr glücklich ihm verbundene Ehefrau, wie das eine (fast zu lange) Serie von Briefen und Tagebuchzitaten bezeugt. Wir kannten diese Diana aber noch und schon, als sie Lady Diana Manners hieß und als solche unter Max Reinhardts Regie in Vollmöllers pseudo-gläubigem Mirakelspiel manchmal die in Sünde gefallene Nonne, manchmal die zum Leben erweckte hilfreiche Madonnenstatue vom Pfeiler eines Doms spielte, ganz im Sinne des opulenten Reinhardtschen Spätbarocks, den ihm ernsthafte Kritiker nicht abgenommen haben und der seine Wurzeln in den Salzburger und Wiener Kirchen Fischer von Erlachs hatte.

Mit dem Eintritt in die erregende Sphäre des Berliner Bühnenmagiers, der auf Schloß Leopoldskron bei Salzburg wie ein legitimer Nachfahr der Fürstbischöfe im Sommer Hof zu halten pflegte, bei Kerzenbeleuchtung und von Lakaien in Eskarpins bedient, mit dem Beginn der Theater- und Filmlaufbahn der Diana Manners wird unsere Anteilnahme groß und ganz lebhaft. Was zuvor gezeigt wird, ist das pastellfarbene Bild eines jungen Mädchens, einer jungen Frau im England vor 1914, ähnlich hundertmal gezeichnet, skizziert dort, minuziös ausgeführt da – englische High Society, Bälle, Ausfahrten, Flirts, Londoner Stadthäuser, Schlösser und Landsitze, Aufenthalt an der See: in gefälliger unproblematischer Schönheit ausklingendes goldenes viktorianisches Zeitalter. Man könnte, was das Atmosphärische angeht, mühelos ein Kapitel der Diana Cooper mit einem Kapitel der Virginia Woolfe vertauschen, der Duft, das Parfüm, ja selbst die Menschen wären beinahe die gleichen. Das hat die natürliche Selbstverständlichkeit und die Sicherheit der Dame aus großem Haus, die ohne viel zu zögern sich an ihren zierlichen Schreibtisch setzt, um mit jener liebenswürdigen und genauen Umständlichkeit, die jener Generation zugehört, ihr Leben und das Leben um sie herum mit einer gewissen konventionellen Eleganz der Feder zu beschreiben. Dabei gelingen ihr einzelne Kapitel ganz außerordentlich gut, so etwa, wenn sie von der Probearbeit mit Max Reinhardt in New York berichtet, wohin man mit dem „Mirakel“ gegangen war und wo man den Erfolg nicht erspielte, um den es allen zu tun war. Es ist höchst reizvoll zu sehen, wie sich diese Diana Cooper mit sicherem Instinkt in alles fügt, allmählich offensichtlich zu einer ernst zu nehmenden Darstellerin wird, die bei einem Besuch in der damals aufblühenden Filmmetropole Hollywood nicht ohne ein Stückchen Künstlerstolz und Künstlerverachtung auf jene herabsieht, die sich hier vor der Filmkamera produzierten. Nachher hat sie selber in England gefilmt und bei einer Nachkriegsreprise des Mirakelspiels in Deutschland schönsten Lorbeer geerntet.

Sie war also nicht nur eine hingebungsvoll liebende Frau und Mutter, ihrem Gatten eine Art unsichtbare Hilfe, sie war offenbar auch eine schöne und talentierte Schauspielerin. Nicht also die Schilderung des sozialen Lebens in England, nicht ihre politischen Meinungen interessieren (wenigstens in Deutschland), sondern jene Seiten, in denen deutsches Theaterspiel unter dem Zauberstab Max Reinhardts, in denen noch einmal die unruhigen Schatten von Salzburg und Leopoldskron beschworen und zu einem merkwürdig intensiven Scheinleben gebracht werden. Nicht von ungefähr sei erwähnt, daß bei der Eröffnung des Holzmeisterschen großen Festspielhauses (1960) als Ehrengäste Österreichs Lady Diana Cooper und Hofmannsthals bedeutender Freund, Carl J. Burckhardt, teilnahmen. Für Salzburg mag mit der Eröffnung des unheimlich-ungemütlichen großen Hauses eine neue Epoche angebrochen sein, für Lady Diana muß dieser Festakt, in dessen gesellschaftlichem Mittelpunkt sie stand, wie ein Abschiednehmen von einer ganzen Epoche gewirkt haben.

Nicht ohne Wehmut, aber doch mit der Haltung der großen Dame schreibt sie diese Schlußsätze ihrer Erinnerungen nieder: