Die Inder in Brüssel (und New Delhi) sind böse. Nicht allein auf die EWG, sondern vor allem auf die Briten. Gerade ist erstmals über die Sicherheit der Absatzchancen für asiatische Produkte wie Textilien, Cricket-Bälle, Fahrräder oder Tee im erweiterten Gemeinsamen Markt zwischen den „Sechs“ und London gesprochen worden – und schon meint die indische Regierung, ihre Interessen würden von der britischen Commonwealthmutter ungenügend vertreten.

Es geht um folgendes: nach dem Eintritt Großbritanniens in die EWG müßten Erzeugnisse aus den asiatischen Commonwealthstaaten mit dem EWG-Außenzoll schrittweise belastet werden. Zugleich sinken die Zollmauern in Europa. Die Lage kehrt sich also um: während indische Produkte, ebenso pakistanische, ceylonesische und die Waren aus Hongkong, bisher in großen (wenn auch festgesetzten) Mengen zollfrei nach England strömten, werden das im künftigen Gemeinsamen Markt die deutschen, französischen oder italienischen sein. Die Erzeugnisse aus Asien haben Zölle zu tragen. England wünscht heute von der EWG, daß sie das tut, was Großbritannien schon vor Jahren begann: die Absatzchancen für asiatische Textilien und Fahrräder (und was dortige junge Industrien noch erzeugen) zu erweitern.

Nun erinnert man sich, an den Bundes wirtschaftsminister, der sich im gleichen Sinne schon vor Jahren für die weltweite Arbeitsteilung aussprach. Die Brüsseler EWG aber hat den Gesprächspartnern aus London zweierlei, und dazu noch Widersprüchliches, gesagt: Einerseits hätten die europäischen Industrien der genannten Branchen ein gewisses Schutzbedürfnis gegenüber der asiatischen Konkurrenz. Zum anderen aber erweise es sich als unlogisch und sinnlos, z. B. in Indien mit Milliardenkrediten den industriellen Aufbau zu fördern, dann aber die dort produzierten Textilien mit 17 bis 19 % EWG-Außenzoll abzuwehren.

Die Schlacht um Englands EWG-Beitritt und seine Folgen für die Commonwealth-Produzenten – wird also zunächst „unter Europäern“ stattfinden. Sie sollten sich einig werden, wielange und wieviel Protektion einige Wirtschaftszweige gegen die in manchen Teilbereichen preisgünstigere asiatische Konkurrenz erhalten dürfen. Anders gesagt: wie lange diese Wirtschaftszweige zum Nachteil der Exporte anderer Branchen in die jungen Länder geschützt werden sollen. Denn auch Asiaten werden in wachsendem Umfang nur einkaufen (importieren) können, wenn sie zuvor Geld verdienen (exportieren).

Die Inder in Brüssel äußern ihr Mißvergnügen über das maßvolle britische Programm, das in ihrem Interesse vorgelegt wurde – weil es kein in Unterhandlungen übliches Maximalprojekt ist. Die „Sechs“ sollten sich darüber klar sein. Bei der jetzigen Denkrichtung fühlt man sich allen halben unwohl: politisch, wirtschafts- und hat delspolitisch – und als Verbraucher.

Hermann Bohle