Attraktion Mordprozeß! Der Fall „Dr. Otto Praun“, oder besser der Prozeß „Vera Brühne“, zeigte in der Tat alle Ingredienzien, um publikumswirksam zu brodeln. Besser: der Prozeß „Vera Brühne“! Denn Dr. Otto Praun ist zwar das Opfer – seiner selbst? eines anderen? – aber unter dem Aspekt, der uns hier interessiert, scheint das Opfer vor allem „als Anlaß“ die Gemüter zu mobilisieren. Als Schlüssel höchst pikanter Affären. Als Kristallisationspunkt schillernder Gestalten. Als Angelpunkt zwielichtiger Szenen.

In seinem vierstündigen Plädoyer für Vera Brühne sagte der Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Franz Moser: „Das leidenschaftliche Interesse, das die Öffentlichkeit diesem Strafprozeß entgegenbringt, ist einmalig und außerordentlich. – Es ist nicht Sensationslust und Neugier allein, die Tag für Tag eine schaulustige Menge in diesen Saal locken, nicht bloß Klatschsucht und Schadenfreude sind es, die in atemloser Spannung den Zuhörer fesseln. Man ist vielmehr geneigt anzunehmen, daß offenbar auch der mit dem Prozeßgeschehen nicht Befaßte sich an der Abwägung von Schuld und Unschuld, Sühne und Gerechtigkeit beteiligen möchte.“

Der Verteidiger hatte das Publikum vor Augen – die Zuhörer im Saal, aber auch die unsichtbare Menge draußen, die den Prozeß verfolgte –, und er wollte sich, verständlicherweise, die Gunst dieses Publikums nicht verscherzen. Aber er war vorsichtig genug, mit der Einschränkung des Wörtchens „allein“ – („ ... nicht Sensationslust allein !“) – sich noch die Möglichkeit eines Angriffes offenzuhalten. Eben einer Attacke auf jene Neugier, die, von verdrängten Komplexen angetrieben, Lust verspürt, „aus der Ferne und durchaus ehrbar einen Blick zu tun in die Laster dieser Zeit“. – Er ging sogar noch einen Schritt weiter und meinte, daß dieser „Blick“ durchaus nicht immer ehrbar sein müsse, sondern von einer „tief innen schlummernden Pervertiertheit“ angeregt Sein könne.

Es ist müßig, in Prozenten aufschlüsseln zu wollen, inwieweit das öffentliche Interesse durch dieses oder jenes Motiv – das „ehrbare“ oder das „weniger ehrbare“ – geweckt wird.

Lassen wir also zunächst den „ehrbaren Blick“ schweifen! Wo bleibt er haften? An der reizvollen Frage: „Was gibt ein Indiz her? Inwiefern erlaubt eine bekannte Tatsache den sicheren Schluß auf einen unbekannten Faktor?“ – Und: „Inwieweit sind Zeugenaussagen verläßlich?“ – Sogleich kommt dem grübelnden Laien eine eindrucksvolle Erinnerung: der Film „Die zwölf Geschworenen“! – (Wie war das doch damals? Ein Junge war des Mordes an seinem Vater angeklagt. Der Fall schien eindeutig. Der Mord war mit einem ungewöhnlichen Messer begangen worden. Der Junge besaß ein solches Messer. Er war als Raufbold bekannt. Er war aufgewachsen in einem Milieu, in dem Gewalt vor Recht ging. Er hatte kein glaubwürdiges Alibi für die Tatzeit. – Ein Untermieter behauptete, er habe ihn unmittelbar nach dem Morde über die Treppe flüchten sehen. Eine Frau erklärte, sie hätte die Tat vom gegenüberliegenden Fenster aus mitangesehen. Alles paßte zusammen! – Und doch? Das Messer war selten. Aber es war kein Einzelexemplar. Der Untermieter – ein alter, hinkender Mann – konnte, wie ein Zeitexperiment nachwies, in der kurzen Spanne höchstens den Rücken des Flüchtenden schattenhaft gesehen haben. Die Frau von gegenüber war kurzsichtig und beobachtete die Tat nur durch die Fenster eines vorbeifahrenden Leerzuges. Und auch das Vorleben des Jungen war kein schlüssiger Beweis, daß er genau diese Tat getan haben mußte.) – Ein Indizienbeweis ist ein verantwortungsschweres Problem. Denn hier geht es um „Alles oder Nichts“! Entweder um ein hohes Strafmaß. Oder um Freispruch – aus Mangel an Beweisen. Es gibt keine mittlere Lösung!

Aber der Prozeß „Vera Brühne – Johannes Ferbach“ war nicht nur als Prozeß, war nicht nur formaljuristisch pikant! Die Ermittlungen haben ein Handlungsgeflecht zu Tage gefördert, das jeden Experten für Kassenschlager entzücken muß. Hier fand sich auch beinahe alles, was zum zugkräftigen Kintopp gehört! – Zunächst einmal ein rauher Mord. Ein Doppelmord sogar! Schon das Verhältnis der beiden Opfer zueinander – ein Arzt, der mit Grundstücken spekulierte, und eine Haushälterin, die mehr war als nur ein dienstbarer Geist! – entbehrt nicht der schaurig-schönen Würze.

Dann das Dreiecksverhältnis: ein unerschöpfliches Thema! Die Angeklagte! Eine Dame von Welt? Eine treusorgende Mutter? Eine unglücklich Verliebte? Wurde sie mit Todesdrohung erpreßt? Erpreßte sie selbst? – Ganz zu schweigen von dem Akkord, den der „Mutter-Tochter-Komplex“ dem Ganzen beimischt! In diesem Stoff ist wirklich „alles drin“.