Von Alfred Michaelis

Wirtschaftsskandale sind in Amerika keineswegs selten. Sie wachsen sich zu öffentlichen Affären aus, wenn der Einfluß von Politikern im Spiele ist oder Behörden durch unvorsichtige Beamte hineinverwickelt werden. Die klassische Korruptionsaffäre war der „Teapot Dome“-Skandal, der die Vereinigten Staaten in den zwanziger Jahren unter der Präsidentschaft Hardings, des Nachfolgers von Wilson, erschütterte und mehrere Kabinettsmitglieder ins Gefängnis führte. Dieser Skandal, der wegen des Verkaufs von ölhaltigen Staatsländereien an private Interessenten losbrach, wirkt noch heute, vier Jahrzehnte später, nach. In vielen Artikeln über den Fall Estes wird die Erinnerung an Teapot Dome wachgerufen.

Billie Sol Estes ist ein verhältnismäßig junger Mann von 37 Jahren, der einer armen Bauernfamilie aus Texas entstammt, weder raucht noch trinkt und im Kirchenleben sehr aktiv ist. Von früher Jugend treibt ihn ein Impuls: Geld zu machen und so reich zu werden, wie die führenden Familien seines Heimatstaates Texas. Er fängt als Farmer an, ist damit recht erfolgreich, sieht sich aber bald nach Betätigungsgebieten um, die schneller Reichtum versprechen als der Anbau von Baumwolle und anderen Bodenprodukten. Er kauft alte Militärbaracken, die er auseinandersägen und zu Hütten zusammennageln läßt, die er angesichts der Wohnungsknappheit in der Umgebung von militärischen Anlagen mit gutem Gewinn als „Einfamilienhäuser“ absetzen kann. So beginnt er seine Unternehmerkarriere mit Hilfe einer kleinen Kapitalbeteiligung der befreundeten Gouverneursfamilie des Nachbarstaates.

Der Aufstieg und der mit tödlicher Sicherheit folgende Weg in den Abgrund war durch die Prinzipien vorgezeichnet, mit denen er den Schlüssel zum Erfolg in den Händen zu haben glaubte: Erwirb die Freundschaft prominenter Politiker durch großzügige Beiträge für die Wahlfonds der herrschenden Partei, wirf mit kleinen und größeren Geschenken um dich, die den Empfänger verpflichten und verschulde dich bis zur äußersten Grenze an alle nur denkbaren Geldgeber.

Die amerikanischen Zeitungen veröffentlichten Bilder von einer Wand seines Büros, die mit handschriftlich gewidmeten Photographien Kennedys, des Vizepräsidenten Johnson, Trumans, Stevensons, mehrerer Senatoren und anderer prominenter Persönlichkeiten der Demokratischen Partei behangen ist. Für ein aktives und finanziell als potent angesehenes Parteimitglied in einem wichtigen Staat sind solche Photos nicht allzuschwer erhältlich. Sie beindrucken aber Besucher, die zu Geschäftsverhandlungen in das Büro kommen.

Eine luxuriöse Villa mit dem unvermeidlichen Swimming Pool in Riesendimensionen förderte das Prestige. Freundschaften und Beziehungen reichten über die Staatsgrenzen von Texas hinaus bis nach Washington. Kurz und gut: Estes wurde unmittelbar vor dem Zusammenbruch auf rund 150 Millionen Dollar geschätzt. Die bisherigen Nachprüfungen haben ergeben, daß seine Vermögensrechnung mit einem Schuldensaldo von 12 bis 25 Millionen Dollar – möglicherweise mehr – abschließt. Seinem Erfolgsprinzip gemäß nahm er überall Kredite auf – bei Lieferanten, Banken, Landwirten und anderen Geldgebern. Er pflegte immer wieder zu sagen, daß man durch genügend hohe Schulden jeden Geldgeber zu seinem Partner machen könne.

Seine Geschäfte konzentrierten sich auf drei Gebiete: den Kauf von Baumwollanbauquoten, den Verkauf von chemischen Düngemitteln und die Lagerung von landwirtschaftlichen Produkten.