Raten Sie mal, wer ich bin?" sagte Sie, als ich vor zwanzig Jahren und zwölf Tagen im ersten Stock der Ortsgruppenleitung das Zimmer des Ortsgruppenleiters suchte. "Sind Sie vielleicht der Ortsgruppenleiter" sagte ich. Ich wollte mir nur eine Bescheinigung von Ihnen abstempeln lassen, aber Sie sagten: die stempelt man unten ab und legt sie mir dann hier oben zur Unterschrift vor.

Ich ging nach unten und ließ die Bescheinigung abstempeln und als ich wieder ’raufkam, meinten Sie: "Die kann ich heute nicht unterschreiben, kommen Sie morgen wieder." Ich antwortete: "Ihr Sohn ging in meine Klasse." "Sie kriegen die Unterschrift auch so", sagten Sie.

Und ich kam am nächsten Tag wieder: "Es handelt sich um die Unterschrift." "Dann müssen Sie morgen noch einmal wiederkommen", war Ihre Antwort.

Ich kam wieder, doch Ihr Zimmer war leer. Erst drei Tage später waren Sie wieder da. Ich fragte: "Wo ist nun die Bescheinigung?" "Raten Sie mal", gaben Sie zurück und ließen ihre Zigarrenasche in den Papierkorb fallen.

"Raten Sie mal, wer ich bin", sagte Sie, als ich vorgestern im ersten Stock der Neuen Sparkasse das Zimmer des Filialdirektors suchte. "Sind Sie vielleicht der Filialdirektor?"

Ich wollte nur einen Antrag von Ihnen unterschrieben haben, aber Sie entgegneten: "Erst muß er unten abgestempelt werden und dann legt man ihn mir hier oben zur Unterschrift vor." Ich ging nach unten und ließ den Antrag abstempeln und als ich wieder ’raufkam, fragten Sie: "Mein Sohn ging in Ihre Klasse, nicht?" Da gab ich zur Antwort: "Ich kann auch zur anderen Sparkasse gehen."

"Aber warum denn", sagte Sie, "hier ist meine Unterschrift." Ich erklärte ihm: "In der anderen Sparkasse sitzt der Filialdirektor im Parterre und stempelt die Anträge selber, ab und unterschreibt sie auch gleich."

"Und was meinen Sie, wenn ich damals nicht gewußt hätte, daß mein Sohn in Ihre Klasse ging?" "Raten Sie mal", sagte ich. Ben Witter