Eine Ausstellung in Paris

Ein Rennwagen war das erste Stück, das der Besucher des Pariser „Museums für dekorative Künste“ zu Gesicht bekam – und dies im Louvre-Palais! Aber es ging hier nicht um „Pferdestärke“ und „Bremswirkung“; es ging um die Karosserie: von einem Künstler entworfen, der Amateur-Rennfahrer ist. Doch wo liegt denn die künstlerische Pointe? Seine Karosserie sah genau so aus, als ob sie von Technikern erfunden und im „Windkanal“ ausprobiert worden sei.

Monatelang hat das „Musée des Arts Décoratifs“ (zwar Teil des Louvre, doch fein getrennt von den alten, undekorativen Künsten durch einen eigenen Eingang in der Rui de Rivoli) einen gewaltigen Besucherstrom erlebt. Die Gäste stiegen am Rennauto vorbei ein paar Stufen empor und erlebten, wie sie eigentlich leben sollten, vorausgesetzt, sie hätten Sinn für Modernität – und das Geld dazu. Die ältere Generation wandelte stumm und verdattert; die mittlere lachte, aber die junge zeigte andächtige oder trotzige Mienen. Indessen machten alle die Finger feucht und streichelten die Stäbe eines Instruments, das daraufhin geisterhafte Töne von sich gab: ein undefinierbarer „Sternenklang“, der fast pausenlos durch die Ausstellungsräume wehte.

Einige gebildete Besucher fanden, speziell wir Deutschen seien in diesen Räumen sachverständig. Hatten wir nicht den „Jugendstil“ erfunden? Und lieben wir nicht das Gigantische?

In der Tat, viele der ausgestellten Möbel erinnerten daran, daß auch der „Stil der Jahrhundertwende“ die Neigung hatte, die Dinge so scheinen zu lassen, wie sie nicht waren: Vasen sahen nicht wie Gläser, sondern wie Gräser aus. Nur so gleichen Badewannen diesmal Grotten, Sessel ähneln riesigen Fledermäusen. Aber das Gewaltigste war doch ein Bett, in dem mindestens acht Personen liegen könnten, vielleicht gar sechzehn. Männer machten untereinander leichtfertige Bemerkungen, denn das Wort „dolce vita“ konnte man angesichts dieses Ultra-Bettes wohl dutzendmal vernehmen, aber die Hausfrauen überlegten, ob der Konstrukteur wohl auch daran gedacht habe, einen Schlafzimmerkran zu konstruieren, mit dessen Hilfe das Laken hätte ausgebreitet werden können.

Eingedenk der Tatsache, daß unsere Urahnen Höhlenmenschen waren, hat ein Künstler sogar ein mehrstöckiges Labyrinth erbaut, das in Meudon „verwirklicht“, jedoch auch als Ausstellungsmodell noch eine besondere Größe hatte. Und wieder hörte man die Vermutung, dies müsse für deutsche Gäste doch besonders anziehend sein. Hätten wir nicht das Wort „Gemütlichkeit“ erfunden?

Da steht ein halber Ritter aus Blech, öffnet man ihm die Brust, so kann man Schmuck hineinlegen. Praktisch, nicht? Man kann auch eine Gartendekoration gewinnen, indem man einen Besen und ein paar Bretter zusammenbündelt. Warum auch nicht? Habe ich doch im Schaufenster einer Galerie im Viertel von St. Germain-des-Pres ein Kunstwerk gesehen, das aus zwei zusammengelöteten Spatenblättern und einem lose daran lehnenden kleinen Eisenkreuz bestand – keine Kunst? Wenn das keine Kunst ist: ein „abstraktes“ Gebilde aus drei Gegenständen, die man für wenig Geld nebenan im Eisenladen erhält, ohne jegliche Veränderung für den zehnfachen Preis zu verkaufen, mindestens den zehnfachen!

Einige Sachen wurden wohlgefällig aufgenommen von fast allen Betrachtern: Ein künstlicher Baum, an dessen Ästen Schubläden blühten, sodann vor allem Caldersche Mobiles und schließlich einige Stühle, unter denen einer war: der sah aus wie ein sitzender Mann. Dies war deshalb zumal ein erleichternder Anblick, weil man sich unwillkürlich an Karl Valentin, den unvergessenen Münchener Humoristen, erinnert fühlte, der bei der Erfindermeldung von ferngesteuerten Flugzeugen erleichtert seufzte: „Gott sei Dank, wenn das Ding alleine fliegt, braucht’s Menschen dazu nimmer...“ M.-M.