Von Werner Ross

Das Wort „Führer“ hat im Deutschen einen zweideutigen Klang bekommen: es gibt halt selten gute. Auch beim Reiseführer, dem harmlosesten, stellt sich das Problem, wie autoritär er sein darf. Wieviel Besichtigungen und Spaziergänge schreibt er vor, wieviel Kunstwissen setzt er stirnrunzelnd voraus? Oder versteckt er sein Führertum und verwandelt sich in einen praktischen Ratgeber, der mit Sternchen ebenso über unerläßliche Skulpturen wie über gutes Nachtlager und Forelle blau aufklärt? Und wenn schon Ratgeber, Auskunftsbüro, wie ausführlich hat er unsere Fragen zu beantworten? Wie vermeidet er den Verdacht der Oberflächlichkeit, wie den Vorwurf der Pedanterie? Soll er streng sachlich sein wie der alte Baedeker und seine Nachfolger, „Guides bleus“ und „Touring Club“, oder schwatzhaft wie so manches Reisebuch?

So gefragt, würde ich antworten: Ich stelle mir als „Führer“ einen guten Freund vor, der ortskundig ist, gebildet, belesen, aber kein Fachmann; einen Liebhaber, der schon Kenner, oder einen Kenner, der noch Liebhaber ist, einen Fabulierer, der seine Geschichte hie und da mit einem bunten Einfall würzt. Er müßte sachlich sein, denn ich will ja die Dinge und nicht seine Eindrücke von ihnen, aber er müßte auch Urteil haben.

Der Zufall oder unser Glück will es, daß es einen solchen Führer, oder sagen wir lieber: einen solchen Reisefreund, für Italien, für den größeren Teil Italiens gibt. Der zweite Banc dieses auf drei Bände angelegten Italienführers ist vor kurzem erschienen –

Eckart Peterich: „Italien“ – Ein Führer, zweiter Band: Rom und Latium, Neapel und Kampanien; Prestel Verlag, München; 796 S., 24,– DM.

Der Glücksfall erklär: sich folgendermaßen: Peterich ist erstens als Deutscher in Italien aufgewachsen und hat lange in Florenz und Rom gelebt; er ist zweitens ein Schriftsteller, der sich in mancherlei menschenfreundlichen Berufen zwischen Zeitung, Rundfunk und Diplomatie umgesehen hat, so daß er den Leser nie aus dem Auge verliert; und er ist drittens ein moderner Humanist, ein Liebhaber der Mythologie wie Goethe, aber auch mit Goethes Sinn für Sachlichkeit, mit seinem Interesse für Pfanzen, Steine und Menschentreiben.

Das heißt: er schaut nicht weg, wenn er Auskunft gibt, Zahlen, Namen, Fakten ins Leere murmelnd, sondern er stellt sich als Person vor und redet den Leser als Person an. Dieser Leser, so heißt es etwa an einer Stelle, könnte finden, daß das Pantheon zu ausführlich behandelt sei, aber das hängt damit zusammen, „daß Piranesis herrlicher Stich von 1756... jahrelang in meinem Kinderzimmer hing, ehe ich Rom und die Maxentiusbasilika kennenlernte“. Leseranreden sind altmodisch, man ist zuerst ein bißchen verwundert über dieses sprechende Buch. Aber allmählich merkt man, daß es eine gute alte Mode war, ein sympathischer Kontakt, das bedruckte Papier nur als Umweg zwischen zwei Menschlichkeiten.