Professor Dr. Heinrich Lützeler ist Ordinarius für Kunstgeschichte an der Universität Bonn: vielen Bonner Studenten aller Fakultäten durch Anschaulichkeit, Temperament und Allgemeinverständlichkeit seiner „Einführungen“ unvergessen, einer weiteren Öffentlichkeit durch Bücher von „Die christliche Kunst des Abendlandes“ bis zu „Abstrakte Malerei“ bekannt sowie durch vorzügliche Abhandlungen über den Humor, besonders den „köllschen“, welche Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender leider nicht verzeichnet.

Ist die heutige Kunst gesellschaftlich’ heimatlos? Auf diese Frage werden wohl die meisten Leser: „Ja, gewiß“ antworten, „gewiß ist sie von keiner Gesellschaft, getragen – Angelegenheit eines Kreises der Kenner oder auch der Snobs, aber fern unserem wirklichen Leben mit Atomwaffen, wegrennenden Preisen, Automatisation und so weiter.“

In dieser so gewissen Antwort stecken viele recht Ungewisse Probleme – aber reden wir weiter, sozusagen ins „Gewisse“ hinein! Also: man wird mir zum Beweis anführen, sehr viele Menschen kämen heute völlig ohne Kunst aus. Sie seien vielleicht achtbare Ärzte, aufopferungsvolle Krankenpflegerinnen, ernsthafte Pastoren, die mitten im „wirklichen“ Leben stünden – keineswegs nur oberflächliche Holdrios oder verchromte Spitzenverdiener, nein, richtige tüchtige Menschen ... und gerade ihnen sage die Kunst nichts. Ich kann das nur bestätigen; ich kann nur sagen: Ja, das gibt es. Aber verehrter Mitredner, was wollen Sie damit sagen? „Ja, ich will damit zunächst einmal sagen: Früher war es ganz anders. Die Kunst hatte ihren Ort in der Gesellschaft – im Mittelalter, in der Renaissance, im Barock. Alle nahmen daran teil. Alle bejahten sie, weil sie sie verstanden und sinnvoll fanden. Aber heute?“

Fragen wir: Wie war das früher? Die Kunst diente den Menschen. Sie diente den Gläubigen auf ihrem Weg zur Christwerdung. Die Kathedrale wurde dazu „gebraucht“ wie die schlichte Dorfkirche, – der Kelch ebenso wie der Kerzenleuchter. Die Statuen großer Heiliger an den Portalen waren „nützlich“; sie stellten vor Augen, was die Menschen eigentlich sein sollten.

Die Kunst diente sodann den Herrschenden – Palästen, Denkmälern, Grabbauten, Fürstenbildern: der Vergegenwärtigungen der höfischen Gesellschaft.

Die Kunst diente dem Bürgertum. Wie Frans Hals oder Rembrandt die holländischen Bürger schilderte, so wollten sie-sein: sauber, deftig, realistisch, voll Würde und Selbstbewußtsein, aber auch den Genüssen und Festen prall zugetan:

Und heute? mag man fragen. Christliche Kunst gibt es nur nach am Rande. Die Politiker empfangen keine Erhellung ihres Tuns mehr aus Bildern oder Skulpturen. Das Volk, die Masse geht leer aus.