Die Posaunen von der Reeperbahn

Auf der Betondecke des Tiefbunkers an der Reeperbahn hielten zwei Jungen mit aller Kraft das Transparent fest, das der Wind aufblähte. "Das 50. Gespräch des Monats" stand darauf. Am ersten Freitag jeden Monats diskutiert hier das Evangelische Männerwerk mit Passanten. Dieses Mal hieß das Thema "Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot". Der Apostel. Paulus hat diesen Satz in einem Brief an die Korinther geschrieben, denen er klarmachen wollte, daß das nicht die richtige Einstellung wäre. Dasselbe versuchten an diesem windigen Abend in Hamburg zwei Pastoren und ein junger Diakon mit Zuhörern "gerade hier auf der Reeperbahn", was soviel bedeuten soll wie: "mitten im Sündenpfuhl".

Die drei stehen vor Mikrophonen; ein Handmikrophon an langer Schnur trägt ein älterer Helfer unten hin und her zu denen, die etwas sagen wollen. Der Helfer hat ein redliches, aber trauriges Gesicht, man könnte ihn sich als Redner an Heyde Park Corner in London vorstellen.

Ungefähr fünfzig Personen, hauptsächlich Männer, sind stehen geblieben und hören zu. "Wieso", ruft ein Arbeiter, "essen und trinken, müssen wir schließlich!" Der Mann mit dem Mikrophon eilt herbei. Der Arbeiter will es beiseite schieben, er hat alles gesagt, was er sagen wollte. Aber er muß es noch einmal ins Mikrophon sprechen. Jetzt haben es alle gehört und viele stimmen ihm zu. Einer – das Mikrophon wird ihm eiligst gebracht – erklärt ihm, daß nicht essen und trinken, sondern fressen und saufen gemeint sei.

Das macht nun einen Mann auf der rechten Seite böse. Er ruft dem Diakon zu, daß er sich beleidigt fühle, wenn von Menschen in solchen Ausdrücken gesprochen würde. Tiere, sagt er, fressen und saufen. Drohend ruft er es ins Mikrophon und ist auch nicht ganz beruhigt, als der Diakon von einem hochedlen Schwan erzählt, den er gefüttert, und der ganz vornehm gegessen habe.

"Aber nun wollen wir mal zum Thema kommen. Und das liegt vor allem im zweiten Teil: ... denn morgen sind wir tot. Wir sind aber nicht tot, es gibt ein Leben nach dem Tode."

Eine Betrunkene, die auf St. Pauli ihr Geld verdient, ruft: "Ihr Spinner." Sie läßt sich wüst lachend auf den Kühler eines geparkten Autos fallen, kommt wieder hoch und ruft: "Ihr phantasiert ja!" Das ist nun den anderen Zuhörern gar nicht recht, obwohl sie mit den Männern da oben auf dem Bunker auch nicht einverstanden sind. Einige machen Miene, einzugreifen, aber die Frau ist schon am Ende und lehnt ihr müdes Haupt an die Schulter eines Nachbarn.

"Ich will mal sagen, wenn ..." – Mikrophon herbei, ein Mann will sprechen! "Also ich möchte mal wissen, wenn damals im Mittelalter die Madame Pompadour gesagt hat ‚Nach mir die Sintflut‘ – was haben damals eigentlich die Leute dazu gesagt?" Ja, das wissen die Pastoren nicht genau, jedenfalls können sie es nicht kurz beantworten. "Sie haben die französische Revolution gemacht!" ruft ein Zuhörer. "Nein", sagt der Diakon, "das war nicht die Antwort darauf. Aber das bringt uns zu sehr vom Thema, ab."

Die Posaunen von der Reeperbahn

Vom Thema fort führt auch die dringliche Frage eines jungen Mannes, der wissen möchte, wie die Menschheit sich hat vermehren können, da Adam und Eva doch nur zwei Söhne und keine Tochter hatten.

"Woher Kain seine Frau hatte, darüber, haben sich schon unsere Großmütter den Kopf zerbrochen. Was gehen uns Kain und Abel an, es geht ja um unser eigenes Leben." So spricht der Diakon.

Ein junger Mann nimmt das Mikrophon und sagt: "Ich finde, daß jeder schon im Leben genug bestraft wird. Und warum kriegt einer die Seligkeit, wenn er in letzter Sekunde die Vergebung bekommen hat, und wenn nicht, kömmt er in die Verdammnis. Das finde ich so ungleich."

"Hat der Mensch einen freien Willen oder ist alles von Gott vorbereitet?" Lauter Fragen, die nicht so einfach zu beantworten sind. Immer, wenn ein Pastor oder der Diakon versucht, es wenigstens andeutungsweise zu tun, kommt schon wieder etwas Neues von unten. Einer wirft triumphierend wie beim Grand mit Vieren im Skat etwas ins Spiel: "In der Edda von den alten Germanen wird gesagt: Unsterblich ist der Toten Tatenruhm!" Er macht eine Pause und fordert die da oben heraus: "Aber die waren ja ’ne Heidenreligion." Das ging ins Ans.

Der Pastor fragt: "Ist denn mit dem letzten Pulsschlag alles aus?" Zurufer: "Ja!" Der Pastor wartet und blickt in die Weite, wo an der Fassade steht "Zillerthal bleibt Zillerthal".

"Das ist ja ganz richtig, daß das Leben mal aufhört", sagt ein junger Mann, "schließlich kann es ja nicht immer weitergehen!" Das bejahen die Älteren nicht ganz so leicht. "Am besten, nicht daran denken", meint ein Mann, der eigentlich nur zu sich selbst sprechen wollte, aber es dann doch ins Mikrophon sagen muß: "Ich bin 67, aber wenn ich jetzt das Leben beende, Erdbestattung oder Feuerbestattung, ich zerbreche mir nicht den Kopf darüber. Ich finde, wir müssen essen, um arbeiten zu können." Der Pastor wünscht ihm von Herzen ein gutes Eisbein am Abend.

Ein sehr junger Mann mit nachdenklichem Gesicht sagt: "Man muß sich alles ganz anders vorstellen. Alles lebt eben weiter, weil das allgemeine Leben immer weitergeht, darum gibt es ein ewiges Leben. Aber das persönliche Weiterleben ist ganz eigennützig, das gibt es nicht." Darauf möchten einige schon weitergehen. Aber der Pastor will das Gegenteil beweisen. Wie soll das so schnell erklärt werden?

Die Posaunen von der Reeperbahn

Hinter des Pastors Rücken entsteht Bewegung: Jünglinge mit Posaunen sind auf das Bunkerdach geklettert und warten auf ihren Einsatz. Es ist zehn Minuten vor acht – um 19 Uhr hat es angefangen und länger als eine Stunde gilt die polizeiliche Erlaubnis für die Lautsprecherei nicht. Gelbe Zettel werden verteilt: "Dieses Gespräch ist um 20 Uhr noch nicht zu Ende! Im Klubhaus des Evangelischen Männerwerks wird es weitergeführt. Ein Omnibus steht um 20 Uhr hier zur Hinfahrt bereit! Kommen Sie bitte mit!"

"Und denen, die nicht mitkommen, ein gutes Gott befohlen", sagt der freundliche junge Diakon. Ein Betrunkener nimmt Kurs auf die Davidswache und murmelt: "Jesus geh voran auf der Reeperbahn."

"Und nun die Posaunen!" ruft einer der beiden Pastoren, nachdem er versucht hat, in einem Schlußwort einigermaßen zusammenzufassen, was hier hätte gesagt werden sollen. "Großer Gott wir loben dich", spielen die Posaunen. Fünfzehn Männer steigen in den Autobus, der groß genug ist, mindestens hundert Menschen durch Europa zu fahren. Ruth Herrmann