Von Johannes Gross

Unter dem Titel „Wie verbraucht ist die CDU?“ brachten wir kürzlich eine Analyse von Rüdiger Altmann. Es ging dabei um die Chancen einer Parteireform. Eine solche Reform hält Johannes Gross, dem wir heute das Wort geben, für unmöglich. Seine These: Die CDU ist nicht verbraucht, sie ist politisch überlebt. Der Verfasser, Leiter der Abteilung Politik im Deutschlandfunk und Mitglied der CDU, gibt eine Analyse, die unserer Auffassung radikal widerspricht. Wir möchten aber seine Überlegungen, die hier und dort auch auf dem Dortmunder CDU-Parteitag angeklungen sind, zur Diskussion stellen.

Die viel beredete Reform der CDU hat keine Chancen. Sie ist unmöglich, weil die Mittel, die eingesetzt werden, den Zwecken, die erreicht werden sollen, nicht entsprechen. Daß das nicht erkannt wird, liegt an den konventionellen Mißverständnissen, aus denen der innerparteiliche Reformeifer seine Kraft zieht, und die auch die öffentliche Diskussion über die Parteireform bestimmen (wofür Rüdiger Altmanns Aufsatz in der ZEIT vom 11. Mai 1962 ein intelligentes Exempel war).

In einem Satz: Die projektierte Reform mit Dufhues an der Spitze und allem, was man sich vom Einsatz des tatkräftigen Mannes versprechen mag, berührt gar nicht die Malaise der Union.

Die bislang so erfolgreiche Partei Adenauers will sich und ihre Herrschaft durch che Reform stabilisieren, will die Voraussetzungen schaffen für die Fortsetzung ihrer Erfolge – und eben dies kann sie und wird sie mit der Reform, welcher der Dortmunder Parteitag akklamiert hat, nicht erreichen.

Wenn die geplante Reform realisiert worden ist (und das wird schon mühsam genug sein), werden sich die deutschen Wähler einer CDU gegenüber sehen, die sich durch straffere Organisation, durch größeren Einfluß der Zentrale, geordnete Finanzen und dergleichen mehr auszeichnet. Doch ob sie sie deshalb attraktiv finden und wählen werden, ist zweifelhaft. Es könnte leicht sein, daß am Ende der Reform die CDU so wohl organisiert ist wie die SPD oder das frühere Zentrum, daß sie aber weiter an Macht und Einfluß, weiter an Boden verliert.

Denn der schlechte politische Zustand der CDU ist nicht durch Organisation verursacht und nicht durch Organisation zu heilen. Nicht nur, daß eine organisatorische Reform den Kanzler nicht jünger und Ludwig Erhard nicht standfester machen kann, sie kann sogar Schaden stiften, weil sie die Partei beschäftigt hält, sie ablenkt von einer eindringlicheren Diagnose ihrer Krise.