Von Waldemar Ringleb

Das hektische Auf und Ab am Aktienmarkt hat aller Welt vor Augen geführt, wie labil die Börsenlage ist. Sicher sind hierfür eine Reihe von Momenten psychologischer und faktischer Art maßgebend; in ihrer Gesamtheit vermag sie vorerst noch niemand zu übersehen und einigermaßen treffend zu beurteilen. Eines dürfte allerdings gewiß sein: entgegen aller Warnungen der Notenbank, aber auch der Versicherung der Geschäftsbanken, wurden weit mehr Effektenkredite gewährt, als man bisher wahrhaben wollte. In den Monaten der Aktienhausse haben große und kleine Leute Darlehen aufgenommen, um mehr Aktien zu erwerben, als es die eigenen Mittel erlaubten.

Seit dem großen Börsenkrach von 1929 weiß man, wie gefährlich eine auf Bankkredite aufgebaute Aktienhausse ist.

Kommt es zu Rückschlägen, dann fällt das Gebäude zusammen und reißt alles mit in den Abgrund. Die Amerikaner haben hieraus Lehren gezogen. Die Bankenaufsicht hat dort das Recht, die Höhe der Effektenkredite zu begrenzen. Über lange Zeit hin. mußten die Broker eine Einzahlung von mindestens 90 % der vorgesehenen Aktienkäufe verlangen; später waren es nur noch 70 %. Grundgedanke dieser Bestimmung ist, daß auch bei starken Kursrückgängen der Effektenkredit vollgedeckt bleibt, damit Exekutionen, d. h. Zwangsverkäufe, nicht notwendig werden.

Von amerikanischen Verhältnissen soll jedoch nicht die Rede sein. In unserem Lande kennt man jedenfalls derartige Bestimmungen nicht. Man hat sich damit begnügt, Effektenkredite zu diffamieren. Offenbar bildeten sie auch, zumindest für spekulative Zwecke, lange Zeit eine Ausnahme. Der normale Bankkunde, der am Schalter 10 000 DM einzahlt und Order auf den Kauf von 20 000 DM Aktien gibt, stößt in der Regel auch heute noch auf Ablehnung. Es gibt Umgehungsmöglichkeiten. Wer will einem Spekulanten verbieten, auf sein Haus eine Hypothek aufzunehmen, damit er an der Börse spekulieren kann? In unserem Land kann jeder mit seinem Vermögen machen, was er will.

Anders sehen die Dinge aus, wenn ein Kaufmann für sein Unternehmen bei der Bank Kredite aufnimmt und zur Sicherheit sein Aktiendepot verpfändet. Er bekommt es in der Regel zu 50 % beliehen. Wird das aufgenommene Geld im Geschäft eingesetzt, geht alles in Ordnung. Verschafft sich der Unternehmer auf solche Weise die notwendige Bewegungsfreiheit für größere Spekulationen, dann sind die Dinge anders zu beurteilen. Der formale Unternehmenskredit erweist sich dann wirtschaftlich als spekulativer Effektenkredit.

Wie gesagt, bekommt der normale Bankkunde einen Effektenkredit, dem man den spekulativen Charakter ohne weiteres ansieht, von einer deutschen Bank in der Regel nicht eingeräumt. Kommt aber ein Großspekulant – und die gibt es in unserem Lande – und verlangt einen Millionenkredit gegen Hinterlegung eines großen Aktienpaketes, dann wird manches Institut weich. Es wird von Großspekulanten gesprochen, die bei zehn bis zwanzig deutschen Banken, ungerechnet der Auslandsinstitute, sich in erheblichem Umfange verschuldet haben. Dort, wo es gelungen ist, solche Engagements rechtzeitig, also bei relativ guten Aktienkursen zu lösen, hat das zwar zum Druck auf die Börse beigetragen, sonst aber zu keinen Anspannungen geführt.