A. d. F., Rom, Anfang Juni

Attilio Piccioni, der neue italienische Außenminister, ist zwar keine Kämpfernatur, aber ein unbeugsamer Charakter. Während des Mussolini-Regimes war er Sekretär der katholischen Volkspartei und hat dem Faschismus seine wohlfundierten moralischen Prinzipien entgegengesetzt. Aber nie war seine Haltung provokatorisch. Still hat er seinen Beruf des Anwalts in Turin, dann in Pistoia ausgeübt. Seine volle politische Tätigkeit begann erst nach der Vertreibung der Faschisten. Als er im Juli 1945 stellvertretender Parteisekretär der Democrazia Cristiana wurde, lobte ihn niemand mit den damals üblichen Hinweisen auf politisches Martyrium oder Heroismus. Es war seine phänomenale Fähigkeit, Gegensätze auszugleichen; seine rhetorische Brillanz, aber vor allem seine moralische Festigkeit, die imponierten und besonders De Gasperi gefielen.

Im September 1946 wurde Piccioni Parteisekretär – als Nachfolger De Gasperis, der sich auf den Posten des Parteivorsitzenden zurückzog. Piccioni hat die Democrazia Cristiana in den großen Wahlsieg von 1948 geführt.

Jahrelang hat er ruhig im Schatten des großen italienischen Staatsmannes De Gasperi gearbeitet. – „Nein, ‚arbeiten‘ ist zuviel gesagt“, meinte Indro Motanelli. „In Wirklichkeit arbeitet er wenig, er leistet gerade das notwendige Minimum zur Erledigung der ihm anvertrauten Aufgaben. Er zieht es vor, zu lesen, und zwar nichts Politisches. Piccioni ist ein Humanist der besten Tradition unserer alten Provinznotabeln. Ich glaube, er ignoriert Hemingway, Faulkner, O’Neill, den Existentialismus und Surrealismus. Aber im italienischen Garten der Literatur und besonders im toskanischen kennt er alles; darin bewegt er sich wie ein Meister. Piccioni hatte sowenig Neigung zur Macht, daß er sich die Qualifikation eines unachtsamen und lustlosen Politikers erwarb. Um seine Widerwilligkeit zur Arbeit ranken sich ebenso viele Legenden wie um Fanfanis „Aktivität“.

Aber dennoch hätte dieser Skeptiker und Melancholiker seine glänzende Karriere fortgesetzt, wenn nicht einer seiner Söhne, Piero, in den Montesi-Skandal verwickelt worden wäre: In jene „Dolcevita“-Geschichte, die mit dem Selbstmord eines hübschen Mädchens und einem Sensationsprozeß endete. Piccioni, der seinen Sohn so sorgfältig wie nur möglich erzogen hatte – er ist seit langem Witwer – trat damals von seinem Posten als Außenminister im Kabinett Scelba zurück und schied für Jahre ganz aus der Politik aus. Seine Rückkehr erfolgte erst, nachdem sein Sohn freigesprochen worden war.

In den Vordergrund des politischen Lebens trat der heute 70 Jahre alte Piccioni im Oktober 1959. Er war Mittler zwischen den sich beim Kongreß der Democrazia Cristiana, heftig bekämpfenden Fraktionen seiner Partei. Und wenn es damals nicht zu einer Spaltung kam, so war dies wesentlich Piccionis Verdienst. Er hätte seither mehrmals die Möglichkeit gehabt, sich an jenen Neidern zu rächen, die anläßlich des Montesi-Skandals seine politische Karriere zerstören wollten. Er blieb gelassen – auch als er wieder den führenden Posten unter den Exponenten seiner Partei eingenommen hatte.

Eine Zeitlang leitete er die italienische Delega tion bei den Vereinten Nationen. Seit dem Juli 1960 fungierte er als Stellvertreter des Ministerpräsidenten Fanfani. Dieses Amt hat er auch jetzt noch inne, da er als Nachfolger für den in den Quirinal gezogenen Segni das Portefeuille des Äußeren übernommen hat. Ursprünglich hatte Fanfani diesen Posten dem sozialdemokratischen Führer Saragat angeboten, gleichsam. als Trostpflaster für dessen Niederlage bei der „Schlacht um den Quirinal“, und weil er die Regierung festigen wollte nach dem Bruch, der bei der Wahl des Staatspräsidenten quer durch die Regierungskoalition ging. Doch Saragat lehnte ab, und so mußte Fanfani sich mit Piccioni „begnügen“.