Von Walter Abendroth

Bemerkenswertes: Zusammentreffen: während die Musikweltsich anschickt, den achtzigjährigen Igor Strawinskij zu feiern, der noch vor wenigen Jahren mit der Sensation überraschte, in das bis dahin bewußt gemiedene Lager der Dodekaphonisten überzulaufen, bietet sein bedeutendster früherer Vorkämpfer Ernest Ansermet die nicht geringere Sensation, nachdrücklichst als entschiedener Gegner der Dodekaphonie hervorzutreten.

Um diese Konstellation in ihrem Symbolgehalt richtig zu würdigen, muß man sich vergegenwärtigen, welches Gewicht der späten Bekehrung Strawinskijs von den Anhängern der Zwölfton-Technik aller Variationen beigelegt wurde: Sie bedeutete ihnen nicht weniger als eine triumphale. Bestätigung ihrer Überzeugung, daß sich in ihrer Richtung die einzige legitime Erscheinungsform heutiger Musik präsentiere, zu welcher sich zwangsläufig jeder Komponist von Rang bekennen müsse und werde. (Die einschlägige Publizistik machte sich die Sache leicht genug, indem sie den Brauch einführte, einfach alles Nichtzwölftönige als zweitrangig zu denunzieren.) Welch einen Prestigegewinn mußte es ihnen bringen, aus dem Munde des sonst so nüchternen Mannes die emphatische Webern-Apotheose zu vernehmen: „Ich zögere nicht, unter dem gnadenvollen Schutz seiner noch nicht heilig gesprochenen Kunst Obdach zu suchen!“

Nun, die Meinungen darüber, ob Strawinskijs eigene Kunst unter diesem Obdach gewachsen oder geschrumpft sei, sind geteilt. Undankbarerweise behandelten den einmal Konvertierten sogar einige altgediente Propagandisten des Avantgardismus wenig respektvoll, besonders, seit auf dem letzten Donaueschinger Musikfest H. H. Stuckenschmidt die Parole ausgegeben hatte, es sei an der Zeit, den Glauben an eine alleinseligmachende Richtung abzubauen und dem geistigen Gehalt, wo er sich finde, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Indessen: die Kritik hat den gewandten Weltmann und selbstsicheren Meister noch niemals beirren können. „Ich glaube, daß sie nicht einmal in der Lage sind, die Grammatik eines Komponisten zu beurteilen“ – so lautet Strawinskijs pauschales Gutachten über die Musikexperten der Presse; und die Meinung, daß sie „keine Ahnung von der Technik der zeitgenössischen musikalischen Sprache“ haben, weiß er zu belegen durch die Zitation eines amerikanischen Kritikers, dem es passierte, Bergs „Wozzeck“ als Zwölftonkomposition zu beschreiben ... „Kritiker führen das Publikum irre und verzögern ein echtes Verständnis.“ Offene Frage: Ob diese geflügelten Worte auch jene Kritiker treffen sollen, die dem temperamentvollen Compositore bei seinem Übertritt zur Dodekaphonie applaudierten?

Aber Strawinskijs langjähriger Freund und Weggenosse, der auch schon neunundsiebzigjährige Ernest Ansermet, ist kein Kritiker von Profession, sondern praktischer Musiker. Der großeschweizerische Dirigent, ehemalige musikalische Mitarbeiter Diaghilews, Gründer und Leiter des „Orchestre. de la Suisse Romande“ hat obendrein sein ganzes Künstlerleben in denDienst desaktuellen Musikschaffens gestellt. Niemand vermag: ihm mangelnde Sachkenntnis oder retrospektive Gesinnung oder parteiische Voreingenommenheit irgendwelcher Art zu unterstellen. Sein Ruhm gründet sich auf ebenso allgemein anerkannte menschliche wie künstlerische Qualitäten. Und zusätzlich hat er bei verschiedenen Gelegenheiten auch die Schärfe und Tiefe seines musiktheoretischen Denkens bewiesen (er kam von der Mathematik zur Musik!).

So sagt es zweifellos viel, wenn dieser Mann dem Musiker, den er selbst – das darf man sagen, ohne zu übertreiben – mit „gemacht“ hat, bei dessen letzter künstlerischer Wendung die Gefolgschaft versagt. Und es sagt ebenso viel als Widerlegung jener Avantgardisten-These von der ausschließlichen Erstrangigkeit der Zwölftönerei, wenn sich ein solcher Künstler und Kunstdenken der Mühe unterzieht, die sachlichen und geistigen Grundlagen jener Technik aufsgründlichste zu untersuchen, und wenn er dabei zu einem eindeutig negativen Ergebnis kommt. Dies zwar auf so noble, streng logische und – mathematische Art, daß künftig niemand wird daran vorbeigehen können, wenn er über die Sache mitreden will.