In Chile kämpfen 176 Fußballartisten um die Goldmedaillen und den Goldpokal. Hauptschauplatz ist das 77 000-Mann-Stadion in Santiago, dessen Tribünenbesucher über den Rängen die Schneegipfel der weißen Kordilleren erblicken. Aber auch kleine Plätze, wie der in Vina de Mar, dem mondänen Badevorort Valparaisos mit seinem malerischen Felsenstrand, und jene in Rancagua im Süden und Arica weit im Norden sehen Spiele, nach denen sich in Europa die Fußballfeinschmecker die Finger lecken würden.

Von der heißen Wüste bis zu den Gletscherfjorden Feuerlands über eine Länge von über 4000 Kilometern zwischen Andenkette und Pazifischem Ozean erstreckt sich dieses eigentümliche Land über mehrere Klimazonen hinweg. Vor allem für jene Mannschaften, die in Arica spielen müssen, bedeutet dies eine erhebliche zusätzliche Belastung. Arica, ein Hafen an der peruanischen Grenze, ist nur von Wasser und sonnendurchglühtem Wüstensand umgeben. Der Flugplatz, eine große Wellblechhalle, hat aber immer Hochbetrieb, auch wenn König Fußball sein Zepter nicht schwingt. Arica ist nämlich Freihafen, und böse Leute sagen sogar, es sei ein berüchtigtes Schmugglernest! Aber es lohnt sich schon, etwas zu schwitzen. Der „Coupe Rimet“ ist aus massivem Gold, und die Medaillen sind es auch. Die Amateure und jene, die vorgeben es zu sein, erhalten bei den Olympischen Spielen nur eine mit einer dünnen Goldschicht überzogene Medaille, damit, auch nicht der Schein einer Entlohnung bleibt.

So zimperlich brauchen die Fifa-Funktionäre, die Lenker des Internationalen Fußballverbandes, hier nicht zu sein, obwohl weitaus die meisten ihrer übrigen Schäflein reinste Amateure sind. Hier bei den 176 Spielern, mit den Ersatzleuten sind es etwa 350, handelt es sich fast nur um Profis, darunter mehrere „Fußballmillionäre“.

Aber nicht nur die berühmtesten Spieler der Welt haben sich in Chile versammelt, auch die bekanntesten Trainer kämpfen die Spiele schon wie große Schachstrategen Tage vorher im Geiste miteinander aus.

Wie lange sie auch nachsinnen und phantastische Planspiele in ihren Köpfen entwerfen – immer wieder zerschellen diese Traumgebilde an der nüchternen Wirklichkeit, an dem simplen strategischen Grundsatz: Safety first, die Defensive muß den Vorrang über die Offensive haben. Hierbei ist zwar Raum für einzelne rein taktische Manöver, aber die Maxime bleibt: Erst decken, dann stürmen. Das ist kein aus Ängsten geborener Maginot-Komplex, sondern eine echte Fußballweisheit. Sie birgt allerdings eine Gefahr in sich – auch eine noch so perfekt organisierte Verteidigung wird niemals die Massen „von den Sitzen reißen“, wie das der überspringende Elan der stürmischen Attacke vermag.

Das Betonsystem ist statistisch gesehen vielleicht das erfolgreichste, aber es verbreitet auf die Dauer Gähnen und Langeweile. Das mußten schon die Handballer erfahren, denen deswegen die Zuschauer wegliefen.

Eine andere Sorge der Cheftrainer ist die kaum noch zu überbietende Härte, die heute das Spiel nicht nur zum Kampf, sondern im Verein mit dem Repertoire versteckter Fouls sogar zur Schlacht werden läßt. „Es sterbe der Fußball“ lautet eine der Schlagzeilen nach dem mörderischen Gefecht zwischen der eigenen Mannschaft, die schon durch das parteiische Publikum angestachelt wurde und der in Rage gebrachten „Squadra italiana“, in der mehrere heißblütige ehemalige Südamerikaner standen!