Von Marcel

Dieser Wolf Jobst Siedler, den wir mitunter in der ZEIT lesen dürfen, gilt als ein rabiater Rechter, schreibt aber intelligent und witzig. Offen gesagt, habe ich dergleichen nicht gern, denn erstens steht es im Widerspruch mit der deutschen Tradition und zweitens erschwert es mir die Orientierung.

Sein Artikel über Fremdwörter – neulich in der ZEIT – war ein kleines Meisterwerk, wobei ich übrigens keineswegs Fremdwörter im Deutschen liebe, nur daß sie mir weniger gefährlich zu sein scheinen als diejenigen, die sie mit missionarischem Eifer bekämpfen.

Einen gelernten Polemiker und Demagogen mußte vor allem die nordisch-talmudische List begeistern, mit der Siedler den Puristen begegnete. Denn er wies ihnen ja nach – was man so in unserem Gewerbe „nachweisen“ nennt – daß es für einen waschechten Germanen, Deutschen und Preußen stets geradezu eine Wonne war, Fremdwörter zu gebrauchen, und daß die Puristen somit eigentlich fast Vaterlandsverräter seien. Hat der Siedler ein bißchen übertrieben? Macht nichts, schließlich sind wir Schreiber dazu da, um zu übertreiben. Wichtig ist nur, meine ich, daß in der richtigen Richtung übertrieben wird. Und damit komme ich zu einer ganz anderen Siedler-Attacke.

Es begann vor einigen Monaten. Damals beklagte sich Siedler in der ZEIT bitterlich über die linken und oppositionellen Schriftsteller in der Bundesrepublik. Sie seien weder genug links noch genug oppositionell. Sie seien keine Aufrührer und Provokateure wie es sich gehört, sondern versöhnte. Schoßhündchen der Wohlstandsgesellschaft. Statt kräftig zu beißen, winselten, und bellten sie ein wenig und seien gleich furchtbar beleidigt, wenn sie nicht unentwegt von denjenigen, die sie anbellen, gestreichelt würden. Keinen Mumm hätten sie in den Knochen, seien Jammerlappen und Weichlinge vor dem Herrn.

Nach den ehrbaren Bemühungen, diesen angeblich so schlappen Verein – ich glaube, er meinte die „Gruppe 47“ – auf den oppositionellen Vordermann zu bringen, ist Siedler jetzt auf eine neue Idee gekommen. In der ZEIT vom 1. Juni erklärt er, diese zornigen Schriftsteller könnten doch, auch wenn sie für seinen Geschmack noch nicht die erforderliche Zornintensität erreicht hätten, als Aushängeschild der Bundesrepublik dienen.

Wie also: Jammerlappen als Exportartikel? Worum geht es – um Abfall-Verwertung? Oder um den Ruf der deutschen Literatur? Oder um das Ansehen des bundesrepublikanischen Staates im Ausland?