Von Hoimar v. Ditfurth

Midas, der König der antiken Sage, erbat von den Göttern die Gabe, daß sich ihm alles, was er berühre, in Gold verwandeln möge. Er ging elend zugrunde, als ihm dieser Wunsch, erfüllt wurde, denn seine magische Kraft erstreckte sich alsbald: auch auf die Speisen, die er zu sich nehmen wollte.

Die Moral dieses mythischen Berichtes ist nicht einfach die Warnung vor unüberlegter Gier und blindem Machthunger. Midas gehört in der mythologischen Rangordnung nicht zu den Toren. Als König steht er stellvertretend für das Bild des Menschen auf dem Höhepunkt seiner Macht und seiner Möglichkeiten. Seine Katastrophe ist nicht die des „Hans im Glück“, sie ist auch nicht mit der des Fischers „und siner Fru“ aus dem Grimmschen Märchen zu vergleichen und ihrer spießigen Lächerlichkeit. Midas, der unglückliche König der Sage, ist ein Schicksalsgenosse des Prometheus und des Ikarus. Seine Geschichte ist die des Menschen, der im Vollgefühl seiner Kraft und Größe seine Möglichkeiten zu nutzen gewillt ist, ohne zu bedenken, daß seine Taten auch Konsequenzen haben, die niemand vorauszusagen vermag.

Auch wir haben ja in unserer jüngsten Geschichte die Gabe errungen, unsere Umwelt in einem Ausmaß zu verwandeln, das bereits heute den Vergleich mit dem Beispiel der Sage nicht zu scheuen braucht. Kein Zweifel, daß diese Emanzipierung dem Menschen entscheidende Vorteile gebracht hat. Aber übersehen wir etwa die wechselseitigen Verflechtungen der Verbindung des Menschen mit seiner Umwelt auch nur annähernd vollständig genug, um sicher sein zu können, daß wir mit unseren zunehmend radikalen technischen Eingriffen nicht gleichzeitig auch Prozesse auslösen, deren Konsequenzen unserer planenden Voraussicht gar nicht zugänglich sind?

Es gibt bereits einige Beispiele dafür, daß wir mit unseren Eingriffen biologische Beziehungen aus dem Gleichgewicht bringen, von denen wir gar nichts ahnten, und deren Störung uns vor Konsequenzen stellt, die manche unserer wissenschaftlichen Fortschritte mit der Hypothek unerwarteter Risiken zu belasten scheinen. Um nichts Ernstes handelt es sich bisher, nicht etwa um wirkliche Gefahren. Es sind nur kleine Symptome, an unvermuteten Stellen auftauchend, Alarmzeichen nur, die aber doch hinter der mit optimistischer Farbenpracht geschmückten Fassade des stolzen Gebäudes wissenschaftlich-technischen Fortschritts in manchen Korridoren schon eine gewisse Nervosität auslösen.

An einem konkreten Beispiel aus der modernen Medizin, der sogenannten „Resistenzentwicklung“ von Bakterien, läßt sich leicht anschaulich machen, was gemeint ist. Am Anfang ist auch hier die wissenschaftliche Tat: Die Entdeckung der Sulfonamide durch Hans Domagk im Jahre 1935. Sie löste ein Problem, das bis dahin als unlösbar gegolten hatte, nämlich die Aufgabe, die Krankheitskeime im menschlichen Organismus zu töten, ohne diesem selbst Schaden zuzufügen.

Nun, die Sulfonamide brachten genau dieses Wunder fertig, sie erwiesen sich als äußerst wirksam gegen die wichtigsten bakteriellen Krankheitserreger, und sie waren gleichzeitig für den menschlichen Organismus unschädlich. Schwere, sehr oft tödlich verlaufende Krankheiten wie die einfache Lungenentzündung, die eitrige Hirnhautentzündung oder die allgemeine Sepsis, die „Blutvergiftung“, verloren ihren Schrecken.