Im Hintergrund: Kritik an Washington und Washingtoner Kritik

Washington, im Juni

Botschafter Grewe wird Washington nicht als Freund der Kennedy-Regierung verlassen. Er konstatiert einen tiefgreifenden Wandel in der Einstellung des heutigen Washington gegenüber den vitalen Interessen der deutschen Politik. Bonn müsse in dieser Hinsicht die unangenehme Rolle des „lästigen Gläubigers“ auf sich nehmen, der seinen Schuldner mahne. Wenn Washington die Nichtanerkennungs-Politik revidiere, müsse sich auch die deutsche Politik ändern. Man darf wohl vermuten, daß Grewe damit eine selbständigere deutsche Haltung gegenüber dem „Schuldner USA“ meint.

Grewes Gespräch mit dem amerikanischen Unterstaatssekretär Foy Kohler zu Beginn dieser Woche über die deutschen Gegenvorschläge zum amerikanischen Verhandlungspapier in der Berlin-Frage dürfte eine seiner letzten Amtshandlungen als Botschafter in Washington gewesen sein. Am 15. Juni tritt Wilhelm Grewe einen längeren Urlaub an und kommt Ende August nur noch einmal kurz nach Washington zurück. Dann soll Botschafter Knappstein aus New York ins kleine weiße Haus der deutschen Botschafter-Residenz an der Foxhall Road übersiedeln.

Von deutscher Seite in Washington wird die letzte Unterredung Kohler-Grewe als Erfolg bezeichnet. Die Amerikaner hätten in den meisten Punkten den deutschen Vorstellungen zugestimmt. Und die Tatsache, daß das amerikanische Verhandlungspapier über die Zufahrtsbehörde bisher den Russen nicht übergeben wurde, scheint Professor Grewe nachdrücklich zu begrüßen. Alles, was bisher über die deutsche Stellungnahme dazu bekannt wurde, sei überdies „mangelhaft und irreführend“.

Die politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Kennedy-Regierung und dem bei ihr akkreditierten deutschen Botschafter sind indes – das enthüllt sich jetzt – fundamental. Es werden Professor Grewe folgende Überlegungen zugeschrieben: Das ganze Gebäude der Deutschlandpolitik sei gefährdet, wenn man den Stein „Vier-Mächte-Verantwortung für Berlin und Nichtanerkennung der Zone “ auch nur lockere. Eine Kriegsgefahr als Folge einer harten westlichen Politik werde sich nicht ergeben.

Die Kennedy-Regierung versuche, die „offene“ deutsche Frage zu „schließen“ – in dem Sinne, wie das Selbstbestimmungsrecht bei den osteuropäischen Staaten theoretisch aufrechterhalten werde, während man sich praktisch mit der dort herrschenden Autorität abfinde. Das aber – so Grewes Argumentation – beraube den Westen des offensiven Instruments der Forderung nach der Wiedervereinigung Deutschlands.

Von amerikanischer Seite wird eine solche Beurteilung der Deutschlandpolitik Kennedys als ungerecht, entstellend, voreingenommen und undankbar bezeichnet. Darüber hinaus sieht man in ihr gefährliche Elemente deutscher Überheblichkeit, die an schlimme Erfahrungen mit deutscher Politik in der Vergangenheit erinnere. Thilo Koch