Ein erfreulicher Lichtblick ist die Bilanz der Rheinischen Stahlwerke, Essen, im Vergleich zu den Abschlüssen anderer Montankonzerne. Von der konjunkturellen, Abschwächung, die die Branche ansonsten betroffen hat, ist bei diesem Unternehmen wenig zu spüren. Vielmehr gestand der Vorstandsvorsitzer. weitverzweigten Essener Konzerns, Werner Söhngen, daß das Geschäftsjahr 1961 das beste seit Bestehen des Unternehmens gewesen sei. Erneut hat sich die ausgewogene Struktur des Unternehmens im wahrsten Sinne des Wortes „bezahlt“ gemacht; denn für die Abschwächung im montanen Bereich gab es den Ausgleich in der Investitionsgüterindustrie, die in der Rheinstahl-Gruppe einen Schwerpunkt bildet. Der Anteil der Verarbeitung am Gesamtumsatz der Rheinischen Stahlwerke ist im Berichtsjahr auf über 42 % – gegenüber 38 % im Vorjahr – gestiegen. Hierbei sind allerdings die Umsatzanteile der Ruhrstahl- und Gießerei-Gruppe, die in der Verarbeitung erzielt werden, mitgerechnet. Immerhin verleiht die Vielseitigkeit der Interessensbereiche dem Unternehmen einen deutlichen Vorsprung gegenüber dem Gros der Montankonzerne, die sich gegenwärtig ohne den Rückhalt in lukrativeren Industrien schwerer tut.

Die Rheinstahl-Verwaltung konnte deshalb mit einer 14prozentigen Dividende wiederum den Spitzensatz der Montanpapiere ausschütten. Damit schließt sich Rheinstahl dem Vorgehen der Branche an. Das könnte vielleicht manchem Aktionär mißfallen, zumal dann, wenn er hört, daß Vorstandsvorsitzer Söhngen vor der Presse freimütig verkündete, das blendende wirtschaftliche Ergebnis des Berichtsjahres hätte für eine Ausschüttung von „etlichen Prozent“ mehr ausgereicht. Die Essener Verwaltung setzt darauf, daß die Hauptversammlung ihr die unveränderten 14 % „abnehmen“ wird. Die Anteilseigner gerade dieser an sich ausschüttungsfreudigen Gesellschaft dürften verstehen, daß das Unternehmen 1961 die innere Stärkung noch größer als sonst geschrieben hat. Denn das laufende Geschäftsjahr wird voraussichtlich nicht ganz so gut ausfallen wie das vergangene.

Für die Dividende auf das Kapital von 470 Mill. DM sind diesmal 63,9 (57,5) Mill. DM erforderlich, da die jungen Aktien aus der Kapitalerhöhung des Jahres 1960 erstmals voll dividendenberechtigt sind. Die in einer konsolidierten Ergebnisübersicht mit 99,7 (84,8) Mill. DM auf – gewiesenen Ertragssteuern geben immerhin einen Anhaltspunkt für die angedeutete Gewinnverwendung. Der ausgeschüttete Gewinn verhält sich zum einbehaltenen etwa wie 2:1. Die Erträge hätten um 13,5 Mill. DM höher ausfallen können, wenn diese Summe aus der Kapitalerhöhung nicht den Tochtergesellschaften überlassen worden wäre. Außerdem wurde auf die Bergbau-Beteiligung eine weitere Sonderabschreibung von 10 Mill. DM vorgenommen. Die Rheinstahl-Bergbau AG steht danach nur noch mit 139 Mill. DM – d. h. knapp unter pari zu Buch. Darin steckt zweifellos eine Bewertungsreserve, die auch den Aktionären langfristig willkommen sein müßte. Bei der Ertragsanalyse darf aber auch nicht übersehen werden, daß die Rheinstahl-Verwaltung alle steuermindernden Gewinnverwendungsmöglichkeiten voll ausgeschöpft hat. Söhngen hob hervor, daß „bei der Bemessung von Wertberichtigungen und Rückstellungen allen erdenklichen Risiken Rechnung getragen wurde“.

Alles in allem hat Rheinstahl aus dem vollen geschöpft. Dabei entzieht sich der Buchgewinn aus dem Verkauf der Handelsunion-Beteiligung der Beurteilung Außenstehender. Wenn diese Transaktion kaum äußerlich erkennbare Spuren im Rheinstahl-Abschluß hinterlassen hat, lag das sicherlich auch in der Absicht der Verwaltung. Aus der Bilanz ist lediglich ein Abgang auf dem Beteiligungskonto in Höhe von 10,7 Mill. DM abzulesen. Das dürfte in etwa dem Buchwert des Handelsunion-Paketes – im Nominalwert von 11,8 Mill. DM – entsprechen.

Der Gesamtumsatz der Rheinstahl-Gruppe ist im Geschäftsjahr 1961 um nicht weniger als 11,1 % auf 3,25 Mrd. DM gestiegen. Eine Umsatzminderung – um 2,7 % – gab es lediglich für die Rheinstahl-Bergbau AG. Alle anderen Töchter der Essener Holding haben ansehnliche Zuwachsraten erzielt. Vor allem die Verarbeitungsgruppe konnte ihr Geschäftsvolumen um 23,6 % ausdehnen. Aber auch die Ruhrstahl-Tochter hat mit einer Zuwachsrate von 4,9 % – verglichen mit anderen eisenschaffenden Werken – bemerkenswert gut abgeschnitten.

Das im vergangenen Jahr bekanntgegebene überraschend umfangreiche Investitionsprogramm wird ohne wesentliche Änderungen abgewickelt werden. Im Berichtsjahr hat der Investitionsaufwand mit 246 Mill. DM bereits den Höhepunkt erreicht. Er wird im laufenden Geschäftsjahr kaum geringer ausfallen. Für 1963 rechnet die Verwaltung sogar mit einer Jahresinvestition von rund 300 Mill. DM. Wie der Vorstandsvorsitzende in diesem Zusammenhang vor der Presse erklärte, befindet sich Rheinstahl jetzt in einer „Phase der Fremdfinanzierung“. Der Weg der Kapitalerhöhung werde erst zu einem späteren Zeitpunkt eingeschlagen werden. An den Plänen, in Gelsenkirchen ein neues Stahl- Und Walzwerk zu errichten, wird ohne Abstriche festgehalten. In einer starken Ausbauphase befindet sich auch die Hanomag, die nach dem Erwerb des ehemaligen Borgwardwerkes Sebaldsbrück wahrscheinlich ihre gesamte Lkw-Produktion dort konzentrieren wird.

Für das laufende Geschäftsjahr ist nach Ansicht der Verwaltung kein Raum für pessimistische Betrachtungen. Die Ertragsentwicklung wird als weniger gut bezeichnet. Bisher liegt der Umsatz des Gesamtunternehmens in den ersten Monaten dieses Jahres um knapp 4 % unter dem Durchschnitt des ganzes Jahres 1961. Der Auftragsbestand, der Ende April 1,36 Mrd. DM betrug, bildet eine solide Grundlage für die Beschäftigung der Gruppe in den nächsten Monaten. Nmn.