Dortmund, Anfang Juni

Gleich in der ersten Stunde des Parteitags der CDU in Dortmund erstickte Konrad Adenauer alle Rebellionsbestrebungen. Vermutlich wäre jegliches Aufbegehren auch ohne sein rasches Eingreifen nicht über kraftlose – weil nicht organisierte – Ansätze hinausgekommen. Eine gewisse Rebellionsstimmung war indes bei Delegierten in untergeordneten Positionen nicht zu verkennen; wenngleich nur zwei offen aussprachen, was wohl viel mehr noch dachten.

Einer der offenen Kritiker, der Delegierte Peter aus Rheinland-Pfalz sagte, der Kanzler sollte „auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit“ und „lieber zwei Jahre früher als nötig als einen Tag zu spät zurücktreten“. Und der Delegierte Kohl aus demselben Landesverband verlangte vom Bundesvorstand mehr Aktivität, als er seit einiger Zeit gezeigt habe, und für den neuen Geschäftsführenden Vorsitzenden Dufhues ausreichende politische Bewegungsfreiheit. Er dürfe nicht zum „Erfüllungsgehilfen“ des Bundesvorstandes degradiert werden. Solche Angriffe wurden laut akklamiert, aber doch nur vom Fußvolk, das hier ebensowenig zu sagen hat wie bei den anderen Parteien.

Von den Prominenten, die viel zu verlieren haben und deshalb auch sehr viel vorsichtiger sind, riskierte nur Bundestagspräsident Dr. Gerstenmaier ein kritisches Wort (wie er das schon öfter, wenn auch ohne Erfolg, getan hat). Der Wechsel an der Spitze der CDU werde sich „so geschickt, taktvoll und reibungslos wie möglich“ – vollziehen müssen, sagte Gerstenmaier und nahm damit die robuste Forderung des Delegierten Peters in seinem kultivierten Deutsch vorweg. Die organisatorischen Änderungen, so fügte er hinzu, würden natürlich auch der Lösung dieser Aufgabe dienen. Aber später grenzte Gerstenmaier seine Erwartungen nüchtern ab: selbstverständlich werde auch in Zukunft der Bundeskanzler und nicht der Geschäftsführende Vorsitzende Dufhues die Richtlinien der Politik bestimmen. Er plädierte deshalb jetzt schon für „Menschlichkeit“ bei der künftigen Bewertung von Dufhues’ Leistung.

Daß sich der ehrgeizige Dufhues allerdings mit der Rolle eines Propagandamanagers, die ihm der Kanzler zuzuweisen versuchte, nicht zufriedengeben würde, ließ er schon in der Dortmunder Westfalenhalle bei der großen Volkskundgebung am Sonntag erkennen. Zurückhaltend, aber unüberhörbar korrigierte er Adenauer: Der Geschäftsführende Vorsitzende werde nicht nur organisatorische, sondern auch politische Führungsaufgaben haben. Da der Kanzler offensichtlich eine andere Meinung vertritt und Dufhues kein leicht beiseite zu schiebender Statist im Prominentenkostüm ist, wird es wohl manchen harten Kompetenzstreit zwischen den beiden geben. Aber noch ist die Macht bei Adenauer, die ganze Macht, und er hat sie fest in seinen Händen.

Das hat er gerade auf diesem Parteitag wieder gezeigt. Er eröffnete den Kongreß mit der Erklärung, er habe sich auf keinen Zeitpunkt für seinen Rücktritt festgelegt. Er habe weder ein Jahr noch ein Datum genannt. Er werde allerdings „so rechtzeitig zurücktreten“, daß sein Nachfolger in der Lage sein werde, den Wahlkampf von 1965 zu führen. Ob Erhard dieser Nachfolger sein könnte, sagte er mit keinem Wort, wie er ihn überhaupt auf dem ganzen Parteitag – außer bei einer Pressekonferenz – nicht erwähnte. Alle Voraussagen Mendes (die freilich von unterschiedlicher Exaktheit waren), daß der Kanzler wohl im Herbst nächsten Jahres zurücktreten werde, sind also sehr fragwürdig geworden. Adenauer behält sich selbst vor, wann er das Kanzleramt abgeben wird. „Sie müssen mich bis auf weiteres ertragen“, verkündete er mit der Süffisanz des Machtgewohnten den Delegierten seinen Entschluß – und sie applaudierten.

Unter solchen Umständen wird es für Dufhues nicht leicht sein, den Wechsel in der Spitze der CDU „geschickt, taktvoll und möglichst reibungslos“ vorzubereiten. Daß darin seine Hauptaufgabe bestehen wird und daß der Parteitag deshalb die organisatorische Reform beschlossen hat, gab Dufhues vor der Presse unmißverständlich zu.