Ein sehr merkwürdiger Vorgang: drei ausnehmend begabte und mit dem Gegenstand ihres Tuns sozusagen persönlich befaßte Leute machen eine Fernsehdokumentation über ihrer, aller Schicksal, über die Desillusionierung der roten Intellektuellen nämlich, und die dreiteilige Sache gerät sogar recht nobel; aber keine emotionale Beteiligung kommt auf, keine politische Erhellung, keine geistige Faszination.

Dabei ist das Buch, dem die Unternehmung, gilt, Wolfgang Leonhards „Die Revolution entläßt ihre Kinder“, ein Zugleich, leidenschaftliches und nüchternes Dokument, und auch die in den Westen entwichenen Brecht-Assistenten Egon Monk und Klaus Hubalek (Produzent und Drehbuchautor der NDR-Sendung) haben ja manches, Intellektuelles und Erfahrungsmäßiges, aus Eigenem beizusteuern. Weshalb also der Fehlschlag, und weshalb gerade dieser Fehlschlag – daß die Sendung nämlich weder spielmäßige Attraktivität noch dokumentarische Authentizität hat? Liegt es nur am vierten im Bunde, an dem doch hochtalentierten Regisseur Rolf Hädrich?

Zum Teil wohl sicher, aber eben nur zum Teil. Die formale Unergiebigkeit der Sache, die – das Beiläufige nichtkennend – den Helden stets hochgespannt als Schillerschen, Edelmenschen präsentiert, ist ihm aufs Konto zu buchen, und sicherlich auch eine sonderbar angestrengte Photographie, die Gespräche vor den fließenden Wassern eines Flusses stattfinden läßt und auch sonst jederzeit auf eine bedeutungsvolle Getragenheit hinausläuft.

Doch läßt sich sagen, daß Hubalek ihm da hilfreich zur Hand gegangen ist mit einem unlebendigen Kauderwelsch-Dialog, der sich nicht damit herausreden soll, daß ja die Funktionärsterminologie herzustellen war; auch wenn’s ums Kaffeetrinken geht, wird ja gesprochen wie im Oberseminar, und Mutter und Sohn reden sich Satz für Satz unbeholfen-feierlich mit „Mutter“ und „Wolfgang“ an. Das alles mag hinzugekommen sein, aber anderes ging voraus. Woher dann also der interessante und sehenswerte Fehlschlag?

Weil die Sache nicht zu machen war, zumindest so nicht. Das Team will auf das Dokumentarische hinaus und scheut im Fernsehspiel aus intellektuell-redlichen Gründen das Spielmäßige. Es kappt das, was eine Geschichte lebendig und glaubwürdig macht, das belanglose Detail und den nebensächlichen Mosaikstein; es verharrt entschlossen im typologisch Exemplarischen.

Schon gut. Aber es will doch auch die Illusion und präsentiert also nicht mit Brechtschem Verfremdungseffekt den erzählenden und sich erinnernden Leonhard, der, das Gewesene vorführend, sich selber zuschaut. Man läßt das nun wirklich und zweifellos Authentische, das Filmmaterial von gestern, beiseite und baut sich Trümmerberge und Kriegslandschaften aus Pappmaschee. Man gibt ein Spiel, das nicht Spiel ist, und eine Dokumentation, die sich des Dokumentarischen enthält.

Das Team, um die Verantwortung allen vieren geschlossen auf die wohl hinlänglich tragfähigen Schultern zu bürden, gibt eine Bildergeschichte in Momentaufnahmen. Es gibt nicht Kunst und nicht Geschichte. Es gibt einen Neuruppiner Bilderbogen über den Kommunismus für die Ungebildeten unter seinen Verächtern. lupus