HANNOVER (Kestner-Gesellschaft): „Pasmore“

Victor Pasmore gilt als Führer der englischen Abstrakten, jedenfalls ihres konstruktivistischen Flügels. Er hat erst impressionistisch, speziell pointillistisch gemalt, bevor er sich vor etwa zehn Jahren der Geometrie verschrieben hat. Seine neueren Arbeiten sind keine Bilder, sondern „Konstruktionen“: auf eine Platte aus Holz, Kunststoff oder Plexiglas werden kleinere Platten, Scheiben und Klötze aufmontiert. Diese akkurat gearbeiteten plastischen Gebilde wollen formal als „Vorstoß in den Raum“, geistig als Absage an Romantik, Gefühl, expressiven Überschwang und als Bekenntnis zur strengen Wahrheit der Mathematik verstanden werden. Ob sie diesem Anspruch genügen, ob sich das überhaupt mit solchen Basteleien erreichen läßt, ist mehr als zweifelhaft. Der große Herbert Read hat zwar (laut Katalogvorwort) gelegentlich geäußert, Pasmores Bekehrung zum Konstruktivismus sei das revolutionärste Ereignis in der englischen Kunst der Nachkriegszeit gewesen. Vielleicht hat er das ironisch gemeint, vielleicht hat er keine hohe Meinung von revolutionären Ereignissen. Oder er hat auf den ungeheuren Nachholbedarf der Engländer angespielt. Alles, was an dem Kontinent in der modernen Kunst seit 1903 vorgegangen ist, auch Piel Mondrian und der Konstruktivismus, muß verspätet auf ihrer Insel noch einmal vollzogen werden. Das würde immerhin Pasmores Bedeutung für England erklären. Muß man ihn nun aber auch in Deutschland ausstellen? Bei aller Hochachtung für die Kestner-Gesellschaft: das ist die schwächste Ausstellung, die sie seit vielen Jahren gebracht hat. Sie dauert bis zum 16. Juni.

SCHLESWIG (Landesmuseum Schloß Gottorf): „Die

Maler der ,Brücke‘ in Schleswig-Holstein“

Schmidt-Rottluff ist im Sommer 1906 als Gast von Emil Nolde auf der Insel Alsen gewesen. Er und seine Freunde sind dann immer wieder ins nördlichste Deutschland gegangen. Jeder entdeckte hier eine andere, gerade seinem Naturell entsprechende Landschaft. Kirchner die Insel Fehmarn („Ocker, blau, grün sind die Farben von Fehmarn, wundervolle Küstenbildung, manchmal von Südseereichtum, tolle Blumen mit fleischigen Stielen...“). Heckel die Flensburger Förde, das stille Hügelland von Angeln – über 30 Jahre lang hal er hier jeden Sommer gemalt. Otto Mueller fand in den Dünen von Sylt die Szenerie für seine Mädchenakte. Max Pechstein unternahm seine letzte Reise Sommer 1953 nach Amrum. Das Landesmuseum hat die Arbeiten, die in Schleswig-Holstein entstanden sind und jetzt in den verschiedensten Museen und Sammlungen hängen, für eine Ausstellung nach Schloß Gottorf geholt. Da sieht man, was bisher übersehen oder nicht beachtet wurde: Schleswig-Holstein war für die sächsische „Brücke“ eine zweite Heimat, eine Wahlheimat, und sie blieb das auch, als die „Brücke“-Künsfler längst von Dresden nach Berlin übergesiedelt waren und ihre „Vereinigung“ sich aufgelöst hatte. Dr. Martin Urban, der für die ungewöhnlich schöne Ausstellung verantwortlich ist, hat auch Künstler wie Munch, Rohlfs und Feininger dazugenommen, die nicht zur „Brücke“ gehörten, aber ihr nahestanden und jedenfalls auch mit dieser Landschaft verbunden sind: die Lübeck-Bilder von Munch, die wunderbaren Blätter von Rohlfs aus seinem holsteinischen Skizzenbuch und fünf Feininger-Aquarelle von der Lübecker Bucht, aus den frühen zwanziger Jahren. Die Ausstellung ist ein Modellfall für Provinz- und Landesmuseen: große Kunst unter einem regional begrenzten Thema. Sie bleibt bis zum 17. Juni in Schleswig und wird vom 24. Juni bis zum 12. August in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck gezeigt.

MÜNCHEN (Galerie Stangl): „Bissier“

Seitdem Werner Schmalenbach vor einigen Jahren Julius Bissier in der Kestner-Gesellschaft herausbrachte, hat der fast siebzigjährige, bis dahin kaum beachtete Maler eine grobe internationale Karriere gemacht. 80 Miniaturen, die vorher in Basel bei Beyeler waren, sind jetzt – bis zum 7. Juli – in München ausgestellt. Der Zusammenhang mit ostasiatischer Kunst ist unverkennbar – nicht nur Duktus der gewischten Pinselschrift. Bissier hat sich intensiv mit dem Zen-Buddhismus beschäftigt, wie übrigens die meisten der abstrakten deutschen Nachkriegsmaler, die sich zur Gruppe ZEN zusammengeschlossen haben. Man kann Bissiers kleine Temperabildchen und Aquarelle, die manchmal Gegenstände wie Flaschen, Krüge und Vasen andeuten und meistens irgendwelche markanten freien Formen gegen weich verschwimmende Farbflecken setzen, mit fernöstlicher Mystik interpretieren oder so schlicht wie ein New Yorker Kritiker: „... reizend wie Kanarienvögel, warm und lustig und sinnlich wie Katzen und Hunde.“ Auch wenn man die plötzliche Begeisterung für Bissier als ein bißchen übertrieben empfindet, seine seltsam naive und dabei unwahrscheinlich kultivierte Malerei hat Charme und Poesie im Kleinformat. g. s.