Manche Frauen können Latein...“, so meditiert eine Knabenstimme im Aufsagetonfall. Wer sich des Werbefernsehens öfters erfreut, kennt schon die stets gleiche Kreidekuh, die kindlich-zaghaft auf der Mattscheibe entsteht, weiß schon, daß sie sich mit einer Blitzwendung in die Blechemballage einer weitverbreiteten Büchsenmilchsorte verwandelt. Die Kuh bleibt immer die gleiche, doch wer was aus der „Sahnigen“ zu zaubern vermag, erläutern ahnungslose Kinderstimmen. Mal kocht Oma Kakao, mal nimmt Mutti sie in den Kaffee, und jetzt erfährt man – nun eben, wie’s mit den Frauen steht, die Latein können.

„Manche Frauen können Latein, aber sie können nicht kochen So spricht’s der Knabe zu Millionen Bildschirmsitzern, unter denen nach menschlicher Voraussicht auch einige Frauen sein werden, die seinerzeit lateinische Vokabeln büffelten und denen nun in der öffentlichen Meinung mit einer mitleidigen Geste ihre Kochkünste aberkannt werden: Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Studienrätinnen, Volkswirtinnen, vielleicht sogar biedere Hausfrauen, die sich hinter dem Kochtopf fragen mögen: wozu ehedem das Studium generale, wenn jetzt Pfannenscheuern und Sockenwaschen kaum die Luft zum Atmen lassen? Manche Frauen können Latein, aber sie können nicht kochen ... Vielleicht aber hat ihnen ihre Allgemeinbildung wenigstens eingebracht, über dummerhaftige Taktlosigkeiten mit einem großzügigen Achselzucken hinwegzugehen.

Pearl S. Buck – für diejenigen, die nicht Latein und dies und das an überflüssigem Wissen eingetrichtert bekamen: Nobelpreisträgerin für Literatur – erzählt von dem amerikanischen College, an dem sie ausgebildet wurde. Die Schule, nur von Mädchen besucht, sah ausschließlich „männliche“ Unterrichtsfächer vor. Sprachen, Mathematik und so weiter. Vergeblich richteten die jungen Damen jeweils zu Beginn des Schuljahres Petitionen an ihren Direktor: Man möge zusätzliche Kurse in Kochen und Hauswirtschaft dazunehmen. Bis zum heutigen Tag – so Pearl S. Buck – wurde das Ansinnen mit der Begründung abgelehnt: Wenn ein junges Mädchen Integralrechnung begriffe, wäre sie wohl auch imstande, die Gebrauchsanweisung auf einem Waschpulverpaket in die Tat umzusetzen. Wenn jemandes Gehirn sich für lateinische Grammatik als tauglich erwiesen habe, bestünde die Hoffnung, auch ein Kochbuch interpretieren zu können. Wir setzen hinzu: Und zwei Löcher in eine Milchbüchse zu schlagen. Noch ein Zusatz: Manche Werbeleiter können nicht Latein. Können sie deswegen kochen?

Inge Britt