Von Dietrich Strothmann

Die Zuschauer im Moabiter Schwurgericht wollten ihren Augen nicht trauen. Es war an achten Tag der Verhandlung gegen „Dr. jun. Alfred Filbert und andere“, gegen sechs ehemalige Angehörige des Einsatzkommandos 9, denen der Ankläger die Ermordung von 11 000 litauischen und russischen Juden vorwirft. Vor die Richter und Geschworenen traten die ersten der rund 120 aufgebotenen Zeugen, unter ihnen Georg Fleischmann. Auch er gehörte zu dem Mordkommando Filberts. Jetzt sollte er seine Aussage beeiden. Der Vorsitzende forderte ihn auf, seine Hand zum Schwur zu erheben. Und da geschah es: Fleischmann riß stracks seinen Arm hoch, vorschriftsmäßig in Augenhöhe, so wie er es früher stets getan hatte – zum „Führergruß“.

Durch die Reihen der Zuschauer ging ein Ratnen; manche kicherten, manche räusperten sie vernehmlich. Da erst bemerkte der Zeuge seine Fehlleistung. Schleunig korrigierte er seine Armhaltung und hob die drei Schwurfinger hoch Georg Fleischmann, einst SS-Hauptsturmführer, heute Kriminalrat in Ludwigshafen ...

Schon in diesem Augenblick mochte sich mancher fragen: Was sind das eigentlich für Beamte, die heute hinter den Schreibtischen unserer Kripo-Ämter sitzen? Diese Frage drängte sich abermals auf, als ein paar Tage später zwei andere Männer in den Zeugenstand traten: Konrad Zimmer und Gustav Hein. Als Kriminalkommissare gehörten auch sie zum Einsatzkommando 9. Vor Gericht sagten sie zwar, von Erschießungen hätten sie damals nichts gehört. Der Richter freilich schenkt: ihnen keinen Glauben; sie blieben unvereidigt, um sie nicht selbst in ein Verfahren zu verwickeln Zimmer und Hein sind heute Kriminalinspektoren in der „Sicherungsgruppe Godesberg“, jene: Kriminalpolizei des Generalbundesanwaltes also, die als Hüter der freiheitlichen Ordnung unseres Rechtsstaates gilt und die den Auftrag hat, die Bundesrepublik vor Landesverrätern, Hochverrätern und Spionen zu schützen.

Drei unter vielen, deren Namen bisher bekannt wurden. Aber auch: Drei Unter Hunderten, deren Fall wohl niemals ans Tageslicht kommer. wird und mit denen dennoch gerechnet werden muß.

Die Staatsanwälte aus Ludwigsburg, die seit 1958 in der Zentralen Stelle die Vorermittlungen gegen die Massenmörder in den Einsatzkommandos leiten, wissen genau, warum sie meist auf Ausschreibungen in den Fahndungsbüchern der Polizei verzichten. Oft genug haben sie erfahren müssen, daß sie mit ihren Suchaktionen nicht weiter kamen, daß die Fahndungslisten in die „falschen Hände“ gerieten. Ein Beispiel mag genügen.

Als ein Kriminalkommissar auf Grund der Ludwigsburger Nachforschungen verhaftet werden mußte, bekannte er in dem Verhör frank und frei: Es hätte jeweils nur 24 Stunden gedauert, dann sei er immer genau im Bilde gewesen, welcher Zeuge oder Beschuldigte in dieser oder jener Sache vernommen werden sollte. Also erübrige sich, ihn nun in das Untersuchungsgefängnis einzuliefern. „Fluchtverdacht“, das müßte man doch einsehen, sei in seinem Fall ausgeschlossen. Er hätte schließlich ja schon längst „abhauen“ können, nach allem, was er auch über seinen Fall wisse ...