Im Februar wurde der Hamburger Student Dirk Hagener von Volkspolizisten aus dem Zug Ostberlin–Warnemünde herausgeholt und verhaftet. Mitte Mai begann im Saal 395 des Ostberliner Stadtgerichts gegen ihn und drei andere westdeutsche Studenten ein Geheimprozeß. Die Anklage lautete: Eisenbahnspionage. In der Urteilsbegründung aber hieß es dann: Die Angeklagten hätten „Bürger der DDR zum Verlassen der Republik veranlaßt“. Dirk Hagener wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Verhandlung besuchte ihn seine Mutter. Was sie dort erlebte, schildert sie in diesem Bericht:

Mir war sehr ängstlich zumute, als ich zum ersten Mal nach Ost-Berlin zum Anwalt fuhr. Aber unser Sohn war von einer Berlin-Fahrt nicht zurückgekommen. Durch Nachfragen hatten wir erfahren, daß er in der DDR verhaftet worden war. Allen Warnungen zum Trotz machte ich mich – es war ein Mittwochnachmittag – auf und beschloß, vor der Tür des Anwaltbüros so lange zu warten, bis ich vorgelassen würde. Ich hätte bis zum nächsten Morgen ausharren müssen, wenn ich mich nicht – meine Tagesaufenthaltsgenehmigung galt nur bis Mitternacht – aufgemacht hätte, um in die Privatwohnung des Rechtsanwalts zu fahren. Mir schien alles davon abzuhängen, daß mich dieser Mann empfangen würde.

Und ich wurde empfangen – von der Frau des Anwalts. Es hieß nicht – wie ich gefürchtet hatte – „Mein Mann hat seinen freien Nachmittag“, und „dies ist seine Privatwohnung“, sondern: „Da haben Sie aber Glück, mein Mann ist grad nach Haus gekommen“. Vom angebotenen Kaffee konnte ich vor Aufregung nur einen kleinen Schluck trinken, aber ich hörte, wo unser Sohn steckte und mehr noch: mir wurde eine verständnisvolle Behandlung zuteil, ich konnte erleichtert nach West-Berlin zurückkehren.

Ein Vierteljahr später bekam ich eine Nachricht von unserem Anwalt, daß die Verhandlung gegen Dirk vor dem Ost-Berliner Stadtgericht stattfände. Ich war froh, denn die Untersuchungshaft hätte länger dauern können. Ich war froh, unseren Sohn, wenn auch unter traurigen Umständen, wiederzusehen. Einige Tage vorher hatte ich einen Brief von ihm bekommen; er hatte geschrieben, daß es ihm gut ginge; er bat uns um Verzeihung für die Sorgen, die er uns durch sein Verhalten gemacht hatte.

Die Verhandlung fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Bei der Eröffnung – unser Sohn saß mit drei Kommilitonen auf der Anklagebank – bemerkte ich, daß er unverändert aussah, wenngleich die vier ziemlich blaß waren vor Aufregung.

Auf dem Flur im Gerichtsgebäude fanden wir uns in der Mittagspause alle wieder ein. Ein Mann vom Staatsicherheitsdienst, der offenbar die Verhöre der Studenten durchgeführt hatte, stellte sich zu uns und sagte: dies sei für sie keine Situation, so vor den Müttern der Verhafteten zu stehen, aber sie müßten eintreten für die Sicherheit ihres Staates.

Ein Anwalt meinte: „Wir sind noch eine junge Republik, erst 13 Jahre alt. Wir wollen in Ruhe gelassen werden. Die Mauer mußten wir bauen.“ Er sagte auch: „Wenn es wenige wären von diesen Studenten – was würde uns das ausmachen? Aber wir müssen ein Beispiel geben für viele ...“