Zuletzt erzählte Neumann von Stefan Zweig und seinem „weltweiten, weltbrüderlichen, welt-humanistischen ... ,Ohne mich’ gegenüber allem Politischen“.

Dabei systematisierte sich dieser Internationalismus wie von selbst. Er hatte eine enorme Gabe, Freundschaft zu schenken und Freundschaft zu erwecken; wie die väterliche Textilfabrik vermutlich in jeder wichtigeren Stadt Zweig-Niederlassungen, Vertretungen, Geschäftsfreunde besaß, so besaß dieser unaufdringliche, nirgends anstoßende Mann in jeder Stadt von mehr als fünftausend Einwohnern auf dem weiten Erdball einen Freund – Buchhändler oder Mitglied der lokalen literarischen Gesellschaft oder Redakteur am lokalen Blatt, der dann auf dem Bahnsteig stand, wenn Zweig jene Stadt besuchte, ihn einführte, wenn er den Vortrag hielt, und das dithyrambische Feuilleton schrieb, das dann am nächsten Tag in der lokalen Zeitung stand. „Lieber Freund“, nannte Zweig jeden dieser Korrespondenten, und sie nannten ihn „lieber Freund“, und daß sie nicht, wie sie wähnten, der liebe Freund waren, sondern ein lieber Freund unter Tausenden lieben Freunden, das führte mitunter zu kleinen Tragikomödien der Eifersucht: unjunge Gymnasialprofessoren benahmen sich da wie konkurrierende Backfische.

Es war die Musterorganisation eines Versandgeschäftes. („Der Erwerbszweig“ hieß er in Wien, im Gegensatz zu Arnold, der so ganz anderer Art und Herkunft ist.) Er hatte auch die leise Larmoyanz des wahrhaft erfolgreichen Kapitalisten. Klagenden Tonfalls sagte er mir einmal: „Der Roman (es war „Ungeduld des Herzens’) ist gestern erschienen. 40 000 Vorverkauf. Es ist nicht viel – aber es spricht sich herum.“

Blieb das Problem der Belieferung. Das zu versendende Produkt! Da aber zeigte sich erst Stefan Zweigs Genialität. Es war die Zeit, da die Erkenntnisse und Entdeckungen Sigmund Freuds in Wien sichtbarlich auf der Straße lagen wie die Nuggets auf jenen Feldern Kaliforniens in Golddiggertagen; man mußte sich nur nach ihnen bücken. Zweig bückte sich, eine ganze Schriftstellergeneration bückte sich, und was der Meister unzugänglich und schwierig für die Wissenschaft produzierte, das produzierten Zweig und die minderen Lichter, die neben ihm, nach ihm schrieben, wienerischpopulär fürs Sonntagsfeuilleton der Wiener Neuen Freien Presse und von da aus weiter für die deutsche Literatur.

Ich selbst saß in Freuds Kolleg in jenen Tagen, als Medizinstudent – neben mir meine erste Braut. Bevor wir heirateten, lasen wir dann noch gemeinsam die Kritik der reinen Vernunft. Für dieses Kolleg hatte der Ordinarius, Wagner-Jauregg, Freud den kleinsten und schäbigsten Hörsaal gegeben. Wir paar Studenten saßen in der letzten Bank. Vom auf dem Podium: Freud, mit gestutztem Vollbart. Die ganze erste Reihe vor ihm: Herren mit umfangreichen Umhängebärten, assyrischen Hohepriestern gleichend – das waren Freuds Assistenten. Zwischen ihnen und uns in der letzten Bank: Reihe um Reihe mitteljunger Damen – das waren Patientinnen, Expatientinnen, potentielle Patientinnen. Dabei war es ein großartiges Kolleg. Ich erinnere mich des Satzes, den Freud eben sagte, als ich zum erstenmal – verspätet, ich hatte das Sälchen nicht gefunden – sein Kolleg betrat. Er sagte: „... und sollte jemand einwenden, diese Erklärung sei sehr gesucht, so ist meine Antwort: Sie ist auch sehr gefunden!“

Zweig machte also seine Literatur daraus. Diesen Feuilletonstil – wienerisch wie Sachertorte mit Schlagobers, ähnlich wohlschmeckend und kunstvoll (und leider auch ähnlich „präzis“) – ist er niemals losgeworden. Der Stil war unter Tortenliebhabern (und zu ihnen gehört ja seit jeher das ganze bessere, bücherkaufende Bürgertum, die Damen voran) ein enormer Erfolg. Während des Exils schrieben er und ich einmal gemeinsam einen Film (das Skript, nie gedreht, liegt in einer der Laden hier), und als wir unausweichlich zu einer höchst emotionellen Szene kamen, sagte er: „Nein, halt! Das gehört groß geschrieben! Das diktiere ich!“ Er diktierte es. (Lotten, seiner Sekretärin, die er dann heiratete, die mit ihm in den Tod ging.) Er diktierte es „groß“. Ich las es mir eben durch, ich wunderte mich, daß das vergilbende Papier keine Fettflecke aufweist: das ist mit so viel ausgezeichnetem Schmalz herausgebacken, daß darin schon wieder ein Stil, eine Haltung, beinahe ein Anflug von Größe liegt.

Ach, das wird zu lang. Zu viel noch zu sagen. Zum Beispiel über seine Schwäche für alles Dämonische, vom sicheren Ufer her – ein Wiener Feuilletonist, seine Wiener Feuilletonleser an der Hand nehmend und ihnen vertraulich erklärend, es gebe Laster, Spielleidenschaften, Impotenz in höchsten Kreisen (der Gatte Marie-Antoinettes!) – all dies auf eine feine Weise sagbar geworden durch seine taktvolle Feder unter dem Banner von Sigmund Freud.