Kairo, Anfang Juni

Ägyptens traditionelle Landestracht, die hemdartige Galebiya, ist noch einmal zu Ehren gelangt. Das alt-arabische Gewand hatte wiederholt den Reformeifer der Regierung Präsident Nassers gereizt. Es galt ihnen als Symbol der Rückständigkeit, und nach ihren Plänen soll es gegen billig zu erwerbende Hosen und Jacken – Symbole der neuen Zeit – ausgetauscht werden. Dennoch sind einige hundert Bauern und Arbeiter in der Galebiya zum derzeitig in Kairo tagenden „Kongreß der .Volksmacht“ erschienen. Und sie wurden darob keineswegs verlacht oder verpönt, sondern mit besonderem Respekt behandelt: das wallende Gewand verriet ihre bäuerliche oder proletarische Herkunft.

Die Arbeiter und Bauern aber sollen, wenn es nach Nassers Wünschen geht, künftighin die gesellschaftlich führende Kraft Ägyptens sein. Dei Präsident erhob diese Forderung zum Nahziel seiner Politik. Sie steht im Mittelpunkt jener umfangreicher „National-Charta“, die er dem Nationalen Volkskongreß – einer Art Ständeversammlung von 175C gewählten und ernannten Delegierten – vorlegte Das Nilland soll eine „Bauern- und Arbeiter-Republik“ werden, und Nassers „wissenschaftlicher Sozialismus“ soll es dazu machen. Das Ziel ist es, die noch immer breite Kluft zwischen Regierung und Regierten zu schließen. Das Prinzip der „Kontrolle von oben“ soll dabei freilich nicht angetastet werden, um nicht die ehrgeizigen Pläne für jene Industrialisierung und Landreform zu gefährden, die binnen zehn Jahren das Volkseinkommen verdoppeln sollen.

Eine staatlich geförderte Massenbewegung, die „Arabische Sozialistische Union“, wird das Bindeglied zwischen Regierung und Regierten sein. Ihre Funktionäre sollen aus den schon vorhandenen Stände-Organisationen kommen; Millionen von Kleinbauern und Landarbeitern – von Fellachen also –, haben ihr beizutreten. Für alle 4300 Dörfer und alle Provinzstädte Ägyptens sieht Nassers Plan die Schaffung von Selbstverwaltungs-Organen der Sozialistischen Union vor, die mindestens zur Hälfte aus Bauern- und Arbeitervertretern bestehen müssen. Auch im bald zu wählenden Parlament – dem dritten der neun Jahre alten Republik –, sollen Bauern und Arbeiter die Mehrheit haben.

Dieser neue Versuch einer Reform der Staatsstruktur spiegelt Nassers alten Wunsch wider, seinem Regime einen breiten politischen Unterbau zu verschaffen. Seit dem Sturz des korrupten Königs Faruk im Sommer 1952 war es ein Regime persönlicher Herrschaft, gestützt auf die Loyalität der Armee, die Treue und Schaffenskraft einiger Mitarbeiter und die leicht zu erregenden Begeisterungsstürme nationalistisch gesinnter Söhne des ägyptischen Mittelstandes. Ägyptens verarmte Landbevölkerung nahm nur selten Notiz von politischen Vorgängen; allenfalls dann, wenn Kairo sich in Konflikte mit fremden Großmächten verstrickt hatte. Frühere Versuche zur Gründung staatlich gelenkter Volksbewegungen scheiterten, weil es an Kadern, an Organisationstalent und am „zündenden Gedanken“ fehlte. Doch die belebende Idee glaubt Nasser inzwischen gefunden zu haben: im „arabischen Sozialismus“, der vor einem Jahr zur Staatsdoktrin erhoben wurde.

Wenn diesmal sich wirklich die festumrissene Massenorganisation entwickelt, dann will Nasser sogar einen Teil seiner direkten Regierungsgewalt an andere Institutionen abtreten. Welche Vollmachten dem künftigen Parlament und welche der Einheitsbewegung Sozialistische Union übertragen werden sollen, ist noch ungewiß. Ebenso bleibt offen, ob der ägyptischen Regierung später einmal ein Ministerpräsident vorstehen wird. Jedenfalls sprach Nasser vor dem Volkskongreß bereits von „kollektiver Führung“ sowohl an der Spitze des Staates als auch auf unterer Ebene. Es dürfe unter keinen Umständen zur Tradition werden, daß beim Präsidenten der Republik alle Macht und Verantwortung liege, erklärte Ägyptens „starker Mann“ den erstaunten Delegierten.

Freilich denkt Nasser keineswegs daran, sich demnächst auf. das politische Altenteil eines bloß nominellen Staatsoberhauptes zurückzuziehen. Vielmehr zeichnet sich klar ab, daß er zum Beispiel die geplante Sozialistische Union selber mit straffer Hand zu lenken beabsichtigt. Nach dem Entwurf der National-Charta wird es weder Spielraum für unkontrollierte Linksabweichungen noch für „Feudalismus und Monopol-Kapitalismus“ geben. Für Linksabweichungen vom vorgezeichneten Pfade der Revolution gibt es insofern wenig Raum, als die National-Charta erstmalig den „arabischen Sozialismus“ näher definiert und auch erklärt, bis zu welchem Grade er gesellschaftspolitische Veränderungen herbeizuführen habe. Demnach soll in Ägypten die Periode tiefgreifender Umwälzungen abgeschlossen sein. Im vergangenen Jahr wurden nahezu alle wichtigen Industriebetriebe verstaatlicht, eine zweite Bodenreform verfügt, annähernd tausend reichen Bürgern der gesamte Privatbesitz beschlagnahmt und die Arbeitsgesetzgebung verbessert; Banken, Versicherungen und Außenhandel waren schon vorher in Staatsbesitz übergegangen. Dabei soll es offenbar bleiben; der private Hausbesitz, Handel und Handwerk und der mittelgroße Landbesitz sollen nicht enteignet werden. Wohl sieht die Charta einen beherrschenden öffentlichen Sektor der Wirtschaft vor, Planung für alle Bereiche, eine gerechte Verteilung des Reichtums, Vorrang der Schwerindustrie vor der Leichtindustrie; aber die nicht monopolisierte Privatwirtschaft soll erhalten bleiben.