Paris, im Juni

Daß sich der Revolutionär in der Bevölkerung bewegen müsse wie der Fisch im Wasser: Diese Lehre haben die OAS-Terroristen von Mao Tse-tung bezogen. Doch auf die Frage, wie sich der Fisch verhalten soll, wenn das Wasser abläuft, findet sich in der Anweisung des chinesischen Theoretikers keine Antwort. Der Fall war nicht vorgesehen. Und so ist es kaum erstaunlich, daß innerhalb der OAS Gegensätze in bisher nicht zu beobachtender Heftigkeit aufgebrochen sind. Nur kurze Zeit noch, und die terroristischen Hechte im algerischen Karpfenteich werden auf dem Trockenen sitzen und nach Luft schnappen.

Vom "Flüchtlingsstrom" aus Algerien spricht alle Welt. Bleiben wir im Bilde: Ein Jünger Maos würde wahrscheinlich zwei prinzipielle Methoden in Vorschlag bringen: entweder das Abfließen des Stromes zu verhindern oder die Fische der Strömung folgen zu lassen. Und tatsächlich: Um diese beiden gundsätzlichen Ideen gruppieren sich heute die zwei "Schulen" der OAS.

Der Flügel der "Pieds-noirs" in Algier will versuchen, die fliehenden Europäer im letzten Moment noch durch eine wesentliche Verbesserung der in Evian von Frankreich ausgehandelteten Garantien zum Bleiben, zu bewegen. Der Flügel der radikalen Ex-Obersten in Oran hingegen möchte im Andenken an den 13. Mai 1958, an dem die Armee de Gaulle rief, Algerien als politischen Sprungbrett für die Machtübernahme in Frankreich benutzen. Das Schicksal dieser beiden Versuche wird sich in diesen Tagen entscheiden.

Sinn und Erfolg von Verhandlungen der "Pieds-noirs" innerhalb der OAS mit dem FLN und der provisorischen Exekutive von Rocher-Noir sind nicht von vornherein von der Hand zu weisen. General de Gaulle hatte ursprünglich ja selber die Forderung aufgestellt, bei den Verhandlungen zur Gründung eines unabhängigen Algeriens müßten sämtliche politischen Gruppen herangezogen werden. Nachdem das geringe Vertrauen der europäischen Siedler in die Vereinbarungen von Evian offenbar geworden ist, könnten die im FLN vereinigten Araber geneigt sein, dieser Bevölkerungsgruppe zusätzliche kollektive Rechte einzuräumen, um sie im Lande zu behalten. Denn der Verlust dieser qualifizierten Arbeitskräfte müßte für die Wirtschaft Algeriens verheerende Folgen haben.

Das Ergebnis der in der vergangenen Woche angelaufenen Kontakte muß abgewartet werden, bevor man sich ein klares Bild über die algerischen Entwicklungen machen kann. Auf alle Fälle steht diese Fühlungnahme nicht in einem direkten Widerspruch zu den Vereinbarungen von Evian. Sie hat eher den Sinn einer Ergänzung, die übrigens auch von gewissen Elementen der algerischen Befreiungsfront schon vor geraumer Zeit in Erwägung gezogen worden ist. Rudolf Fischer.