Die grünen Fensterläden öffnen sich in den Spätnachmittag, der den Blick auf das Halbrund eines Vorplatzes wie durch ein Transparent erscheinen läßt: Zypressenblätter, lichtdurchsetzt; lehmgelber Boden, uneben, von Regenspuren ausgetreten; und wie ein Schattenspiel von der hohen Warte des Fensterbretts aus, wo der Beobachter ungesehen zuschaut: Eine schwatzende, heftig gestikulierende Männergruppe. Zikadenlärm, Gelächter, lautes Geschwätz; und darein mischt sich wie ein aus dem Rhythmus gebrachtes Metronom der hölzerne Klang ihres Kugelspiels.

Schwarze und gelbe Holzkugeln – von beiden gibt es sechs – rollen auf eine rote zu; auf sie ist die Verfolgungsjagd gerichtet. Mitunter kommt ein Holzball auch in hohem Bogen und prallt die gegnerische Kugel weg. Der Spieler hat ihn mit der flachen Hand gepackt und ihn dann, den Rücken leicht nach vorn gebeugt, ins Spielfeld geworfen. „Schwarz“ und „Gelb“ wetteifern miteinander um den Platz am roten Lecco; wem es gelingt, die meisten Kugeln in seiner Nähe zu placieren, ist Sieger.

Man steht in kleinen Gruppen beieinander, palavernd, ein aufgeregter Schwarm, während die Blicke mit den Kugeln um die Wette laufen. Gelingt ein Wurf, fällt man sich in die Arme; mit großen Spreizschritten werden Entfernungen gemessen. Händeschütteln, Beifallsrufe. Ein Aufgebot an Gesten macht diese Szene zum Spectaculum.

So etwa spielt sich der Sonntagnachmittag in einer süditalienischen Kleinstadt ab. Während die Frauen im Schatten vor dem Hause sitzen und die Bambinos sich um ihre Knie scharen, treffen die Ehemänner und die Söhne sich beim Bocciaspiel.

Das „Giucco delle. Bocce“ wird in jedem guten Lexikon als original italienisches Spiel erwähnt, doch seine eigentliche Herkunft bleibt im Dunkeln. Weiter zurück als bis in Goethes Zeit läßt es sich kaum verfolgen. Doch bezeugt der Geheime Rat aus Weimar in höchst eigener Person schon seine Existenz. Als er seine Italienreise vorbereitete und dafür Literatur über italienische Ball- und Kugelspiele studierte, schrieb er sich folgende Bemerkung auf: „Boccia, im Freien auf Bahnen.“ Zwar erwähnt er in seinem Reisetagebuch – im Kapitel über Verona – dann auch ein Spiel, doch nennt es sich „Ballon“; und mit dem Satz „Vier edle Veroneser schlugen Ball gegen vier Freunde“ macht er die anfängliche Spekulation, daß es sich hier um das von ihm notierte Boccia handele, zunichte.

Der 14. November 1897 markiert ein anderes wichtiges Ereignis in der Geschichte des Bocciaspiels. An jenem Tage kamen zu Rivoli die Vertreter von 15 piemontesischen Vereinigungen zusammen und hoben die erste Boccia-Organisation Italiens aus der Taufe. Doch sollte dieser mühevolle Akt nur Auftakt sein zu einer nationalen Verbrüderung unter dem Zeichen der Bocciakugel, vor der die Leistung eines Garibaldi und seiner Freischaren geradezu verblassen muß. Verbitterte Verfechter verschiedenartiger Spielregeln und Spielweisen reichten sich die Hand: Der Beitritt der ligurischen Vereine in die „Unione bocciofila piemontese“ wat die Geburtsstunde eines Landesverbandes, der „Unione bocciofila italiana“, die mit vielen Organisationen und örtlichen Komitees das Patronat über das Nationalspiel erhielt.

Auch heute noch erfreut sich das Bocciaspiel sehr großer Beliebtheit. Daß es auch in Deutschland populär geworden ist, verdankt es nicht zuletzt dem Spieleifer des deutschen Kanzlers und der noch eifrigeren Berichterstattung aus Cadenabbia. Da heißt es beispielsweise: „Der Kanzler pries das Spiel, da es ihm Bewegung verschaffe und seinen Kreislauf anrege.“ Man sieht ihn auch beim Boccia, „barfuß in Hemdsärmeln durchs nasse Gras springend“. Es kommt hinzu, daß ihm „seine Sprünge Freude machen“. Und Schlagzeilen wie „Kugelspiele und verfassungsrechtliche Meditationen“ sorgen dann noch für einen intellektuellen Anstrich.