Direktor G. Bruns gehört zu einer seltenen Kategorie von Menschen: Er wünscht sich Schwierigkeiten. Der hochgewachsene Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Getreide“ im Hamburger Hafen sagte: „Wir hoffen nur, daß die Flut von Getreide, die auf uns zukommt, so groß sein wird, daß wir vor Schwierigkeiten stehen. Das ist uns lieber, als wenn wir nach Rauchfahnen am Horizont Ausschau halten müssen.“

Mit den Schwierigkeiten wollen die Mannen um Direktor Bruns, die den Hamburger Silobetrieben, der Getreidehebergesellschaft, den Frachtspeditionen sowie Binnen- und Küstenschiffsreedereien vorstehen, schon fertig werden. Sie fühlen sich dafür gut gerüstet: Mit Lagerraum für eine halbe Million Tonnen Getreide, Ölfrüchte und Futtermittel und der Möglichkeit, zehn 10 000-Tonnen-Schiffe innerhalb von höchstens 15 Stunden gleichzeitig löschen zu können, steht der Hamburger Hafen in Europa an der Spitze.

Was den Hamburgern Sorgenfalten verursacht, ist die Entwicklung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Am 1. Juli soll die EWG-Getreidemarktordnung in Kraft treten, durch die das Getreide aus Ländern, die nicht der EWG angehören, den sogenannten Drittländern, teurer wird. Erfolg: Der Handel unter den Mitgliedstaaten wird steigen, der Import aus Drittländern höchstwahrscheinlich sinken. Und da der Weizen aus Frankreich über die trockene Grenze geht, befürchten die Häfen, daß der Umschlag absinkt.

Stoßseufzer aus Hamburg: „Die EWG zog unter dem Banner des Liberalismus aus, doch jetzt zieht sie hinter der Fahne des Dirigismus her.“

Eine Form des Dirigismus entfällt allerdings: Mit dem 1. Juli, hört die Zuteilung der deutschen Einfuhrkontingente auf die Seehäfen auf, wobei Hamburg immer ein wenig zu kurz gekommen war. Getreideimporte können künftig nach Wunsch des Importeurs über jeden Hafen hereinkommen. Hamburg, daß vor dem Zweiten Weltkrieg rund 50 % der deutschen Getreideeinfuhren umschlug, hofft nun, seinen letzten Anteil von 19,4% wieder zu verbessern – in Konkurrenz allerdings nicht nur mit den Weserhäfen und Emden, sondern auch mit den Beneluxhäfen.

Nur etwa die Hälfte der 4,4 Millionen Tonnen Getreide, Ölsaaten und Futtermittel, die 1961 an der Elbe umgeschlagen wurden, blieb im Lande. Der Rest ging weiter in andere Länder, das meiste nach Skandinavien. Stolz nennt sich Hamburg daher auch „das Warenhaus Skandinaviens“. Ein erklecklicher Teil geht aber auch immer noch in die Ostblockstaaten. Schmunzelnd erzählt Direktor Bruns von einem Glanzstück Hamburger Transithandels: Russischer Weizen wird von einem deutschen Händler über den Elbehafen nach der Tschechoslowakei verkauft. H. M.