Köln, im Juni

Pommern ruft nach Recht und Freiheit... Die Oder-Neiße-Linie kann aus Gründen moralischer Selbstachtung nicht hingenommen werden ... Wir stehen in der vordersten Linie des Kampfes um unsere Heimat, wir fordern. auch von den Frauen die Liebe zur Heimat, die wie die Mutterliebe ist...“

So tönt es aus dem Lautsprecher, nicht übermäßig militant im Vergleich zu früheren Jahren, aber die „Weiche Welle“ der sondierungsbereiten Westpolitiker kriegt einiges ab – und selbst Botschafter Grewes Abberufung aus Washington wird als Gefahrenzeichen erwähnt. Dazwischen aber auch: „Wir müssen die Versöhnung mit dem Nachbarn im Osten anstreben...“

Bundesminister Merkatz, der Sprecher der Pommern, Eggert, und andere Redner schießen wohlgezielte Breitsalven ab, doch die Worte zerflattern im kühlen Wind, der vom Rhein heranstreicht; der Applaus der Unentwegten, die vor der glasgeschützten Rednertribüne und dem Fahnenwäldchen ausharren, plätschert dünn.

Inzwischen summt es in den riesigen Messehallen wie in einem gigantischen Bienenkorb: Nähme man das Geräusch der vielen ineinander fließenden Stimmen auf Tonband auf und ließe man es mit voller Lautstärke ablaufen – vielleicht klänge es gar wie ein tosender Niagarafall Draußen, im Rund herrlicher Tulpenbeete und zierlicher Springbrunnen, spielt sich der politische Teil des Pommerntages ab; hier wird das große Familientreffen der 100 000 gefeiert. Schwerlich kann man sich des Eindruckes erwehren, daß von den zwei Ebenen, auf denen sich das Pommerntreffen 1962 bewegt, diese – die familiäre – den zusammengeströmten Menschen weit wichtiger ist: Weniger die draußen erhobenen Forderungen als das Wiedersehen mit Landsleuten, mit lange vermißten Freunden. Es spielen sich rührende Wiedersehensszenen ab, man fällt sich um den Hals: „Otto, Mensch, wo hast du gesteckt?“

An langen Tischen, auf morschen Bänken sitzen sie und warten auf Begegnungen – oder die Begegnungen finden schon statt, ganze Gruppen stecken die Köpfe zusammen, es wird erzähl:, erzählt, erzählt... „Güstrow“, „Deutsch-Krone“, „Schlochau“, „Köslin“, „Neustettin“ – die Hematkreise formieren sich an ihren Tischen, die Alten halten sich an den Händen, noch bäurisch ist zum Teil ihre Kleidung, schwarze Kopftücher bei den Frauen, dazwischen die jüngeren, die ganz nach Bundesrepublik aussehen – und die dritte Generation der heimatvertriebenen Pommern spielt in kurzen Höschen und Kinderkleidchen zwischen den Gruppen der Großeltern und Eltern. Werden auch sie sich noch als Pommern fühlen, wenn alles so bleibt, wie es ist?

Es liegen Listen aus. „... früher Stolp, Stiftstraße 12, jetzt Siegen, Hagenstraße...“ schreib ein älterer Herr hinter seinen Namen. Das heiß soviel wie: Landsleute, so ihr euch an mich erinnert, schreibt mir! Daneben schreit der junge Leiter einer Reisegruppe einem schwerhörigen Opa in; Ohr: „Wo haste denn deine Frau gelassen? Die haste doch mitgebracht, nicht? Na ja, mußt sie bis abend finden! Wir fahren um 10 Uhr ab...“