Das Experiment der Ganztagsschule – Der Unterricht schließt die Erziehung ein

Der Schulhof sieht aus, wie man sich einen Schulhof vorstellt. Das Bild der Steinbaracken, in denen früher einmal Tontaubenschützen gestanden haben, wird nur ein wenig versöhnlicher durch die Idylle ringsum, Laubwald, weite Wiesen, ein paar Hügel. In den langgestreckten Gebäuden ist nicht viel von einer "Magie des Raumes" zu spüren. "In alten Schulgebäuden", sagt der Dortmunder Oberschulrat .. Frommberger, "...läßt sich eine neue ,Atmosphäre‘ nur mit Schwierigkeiten schaffen."

Und doch bemüht man sich in dieser Volksschule in Hamburg-Altona auch um "eine neue Atmosphäre". Seit vier Jahren wird hier mit der Ganztagsschule experimentiert. "Zwar kann ich", sagt der Rektor Hermann Haedecke, "aus Rüpeln keine Musterknaben machen, aber wir dürfen doch erwarten, daß hier viel mehr dieser Jungen und Mädchen als unter normalen Umständen zu ganz tüchtigen Bürgern werden. Ich merke es, wenn sie, inzwischen Lehrlinge geworden, mich besuchen. Trotz ihrer Herkunft können wir etwa genauso viel Schüler wie in besseren Gegenden auf weiterführende Schulen schicken."

Die Schüler wohnen vielfach in Nissenhütten, in einem sozialen Niveau der untersten Stufen. Für viele von ihnen waren die Lehrer die ersten Erwachsenen, die sich intensiv um sie kümmerten. Es wird freilich hervorgehoben, daß dieser Schultyp nicht allein seine Rechtfertigung erfahre,

  • weil die Fünf-Tage-Woche eine Fünf-Tage-Schule im Gefolge haben müsse;
  • weil viele Mütter berufstätig seien;
  • weil Schlüsselkinder einer besseren Betreuung bedürften (ihre Zahl ist gar nicht so groß, wie oft angenommen wird. In Dortmund kam man auf 1,8 Prozent.);
  • weil überlastete Eltern entlastet werden müßten. Die Ganztagsschule dürfe nicht in den Ruf "einer Sammelstelle für Kinder aus verantwortungslosen Elternhäusern kommen".

Des Schülers Acht-Stunden-Tag

Das Augenfällige an der Ganztagsschule – oder, leicht variiert, einer Tagesheimschule – ist, daß die Kinder sie im Gegensatz zur üblichen Halbtagsschule von morgens gegen 8 bis nachmittags gegen 16 Uhr besuchen. Vormittags wird die geistige Betätigung gepflegt; der Nachmittag gehört Fächern wie Leibesübungen, Musik, Zeichnen, Werkunterricht und bildungswirksamen Steckenpferden in Arbeitsgemeinschaften, aber auch den "Übungsarbeiten", die die Hausaufgaben zum großen Teil ersetzen.