Beamte wollen nicht „Schlußlicht“ sein Es liegt im (nivellierenden) Zug der Zeit: Die Arbeiter streben nach der Angestelltenwürde, die Angestellten nach einer Art Verbeamtung – und die Beamten? Wonach sollen sie streben? Arbeitsrechtlich gesehen haben sie den pensionsversprechenden Gipfel bereits erreicht. Höher hinauf geht’s nimmer. Doch die Kehrseite der Medaille ist weniger schön. Denn: Wer sich in schwindelerregenden Höhen bewegt, kann auch tief fallen. Die Gefahr, in der allgemeinen Lohn- und Gehaltsskala („wir wollen nicht das Schlußlicht sein“) hoffnungslos herunterzurutschen, ist in der Tat größer denn je.

Kein Wunder, daß die öffentlich Bediensteten „auf Sicherheit gingen“ und im Palais Schaumburg um Rettung und Hilfe intervenierten. Der Bundeskanzler zeigte Verständnis, und der Bundesfinanzminister ballte die Faust in der Tasche. Denn zu einem solchen Entgegenkommen war nach seiner Meinung noch kein Anlaß gegeben. Es bestand nämlich – anders wie in früheren Fällen – diesmal keine Gefahr, von den Ländern vor vollendete Besoldungstatsachen gestellt zu werden. Die Tarifgemeinschaft deutscher Länder hatte die Gewerkschaften erst kürzlich klipp und klar wissen lassen, daß sie sich mit dem Bund solidarisch erklärt. Nur die Gemeinden waren für ihre Arbeiter und Angestellten mit einer Lohn- und Gehaltserhöhung vorgeprescht.

Das staatliche Millionenheer der Beamten und Richter in Bund und Ländern, bei Bahn und Post kann also mindestens auf ein Besoldungsmehr von 3% hoffen – das ist das Ausgangsangebot – wahrscheinlich aber auf ein solches von 6°/o. Die Gewerkschaften fordern 9%. In der Mitte wird man sich wohl finden. Die rund 200 000 Berufs-Soldaten und Soldaten auf Zeit und die bisher noch leer ausgegangenen Angestellten und Arbeiter des Bundes, der Länder, der Bundesbahn und der Bundespost (rund 1,2 Millionen) können gleichfalls auf eine etwas inhaltsreichere Lohntüte rechnen.

Ein Wermutstropfen fällt freilich in diesen Wein der guten Hoffnung: Der Weihnachtsvorschuß des vorigen Jahres muß auf diese Besoldungserhöhung angerechnet werden. In den unteren Besoldungsrängen wird sich dieser Abzug ohne Zweifel unangenehm bemerkbar machen. Bei einem Bruttomonatsgehalt von 500 DM, das ist im öffentlichen Dienst durchaus keine Seltenheit, macht eine 6prozentige Gehaltsaufbesserung ganze 30 DM aus. Ein Familienvater mit drei Kindern erhielt seinerzeit eine Weihnachtsvorschußgabe von 160 DM, die er also nun in mehr als fünf Monaten abstottern müßte. Eine Gehaltserhöhung, die zunächst nur auf dem Gehaltsstreifen stehen wird.

Diese Anrechnungsvorschrift scheint mittlerweile ganz in Vergessenheit geraten zu sein. Der Bundesfinanzminister, dessen Initiative sie zu verdanken ist, vermeidet es jedenfalls, von ihr zu sprechen. Nun ist es gewiß richtig, daß die seinerzeit gezahlten Vorschüsse die „Kosten“ einer 6prozentigen Gehaltsaufbesserung bei weitem nicht aufwiegen. Der Finanzminister wird zweifellos nochmals in die Kasse greifen müssen. Wie tief, das wird vom Zeitpunkt des Inkrafttretens der Besoldungserhöhung abhängen. Gelingt es, diesen Termin hinauszuschieben – etwa bis zum Herbst – dürfte die Bundeskasse relativ glimpflich davonkommen. Wenn noch dazu die Idee einer progressiv gestaffelten Gehaltserhöhung Wirklichkeit werden würde, bestünde zu finanzpolitischen Kassandrarufen kaum Veranlassung.

So „praktisch“ mag der Bundeskanzler auch gedacht haben, als er den Gewerkschaftsvertretern Hoffnungen machte. Im nächsten Haushaltsjahr ist auch nach finanzministerieller Ansicht eine Besoldungsreform überfällig, ohne daß dann mehr Geld in der Bundeskasse klingeln dürfte. Und doppelt gibt, wer gleich gibt. Hat man sich in Bonn schon einmal ausgerechnet, was ein Streik bei Bahn und Post an „Kosten“ verursachen dürfte? Sigmund Chabrowski