Nikita Chruschtschow hat Sorgen. Er, der vor Jahr und Tag mit tönenden Versprechungen sich nicht genug tun konnte, steht nun als der Blamierte da. Längst schon sollte der Westen wirtschaftlich eingeholt, überholt, aufgekauft, in die Knie gezwungen sein. Waffen – so hieß es – seien wichtig und nötig, aber nur zur Abwehr der üblen Aggressoren. Denn nicht mit der Macht der Waffen, sondern allein mit der Macht seiner überlegenen Wirtschaftsordnung werde der Osten schließlich den großen, den endgültigen Triumph über den Westen davontragen.

Statt des Triumphes aber kamen: Versorgungsschwierigkeiten, Preiserhöhungen, Hungersnöte, demütigende Kreditersuchen an den Westen. Im kalten Wind der östlichen Wirtschaftskrisen sind die großen Utopien zerstoben. Geblieben sind: Notprogramme und Krisenpläne. Seit ein paar Wochen löst eine Sitzung des Comecon (des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe) die andere ab. Und nun wurden sogar die Regierungschefs der Ostblockländer zur Sonderberatung nach Moskau zitiert.

Nikita Chruschtschow hat Sorgen. Und es gibt viele im Westen, die sich an seinen Sorgen und an seiner Blamage weiden. Vor allem aber glauben sie, daß ihn die Schlappe, die er erlitt, zu einer maßvolleren, wohl gar „weicheren“ Politik dem Westen gegenüber veranlassen könnte. Wer weiß? Vorerst hat er ganz anders reagiert. Nämlich hart. Er hat sich einen Sündenbock aufs Korn genommen. Dies ist die EWG, jene florierende Gemeinschaft, die in der Tat neuerdings beginnt, den westlichen Randstaaten des östlichen Imperiums wirtschaftlich zu schaffen zu machen. (Im ersten Quartal dieses Jahres sind in Polen die westeuropäischen Aufträge für bestimmte Agrarprodukte um 20 v. H. zurückgegangen).

Nun hat der Kremlherr also die EWG als „Internationale Union kapitalistischer Monopolisten“ gebrandmarkt und sie als Verschwörung wider die Interessen der freien Völker hingestellt. Eine Warnung? Eine Drohung? H. G.