Wenn man den Worten einiger Bonner Verkehrsexperten Glauben schenken darf, danr sind wir auf dem besten Wege, eine Art Parteichinesisch auf dem Gebiet der Verkehrspolitik zu entwickeln. Die Tatsache, daß sich die verkehrspolitischen Programme der Koalitionsparteien und der Opposition nur noch wenig voneinander unterscheiden, soll offensichtlich dadurch kaschiert werden, daß man sich möglichst verschiedener Vokabeln bedient. Die Mitgliederversammlung des Bundesverbandes für den gesamten Werkverkehr in Hamburg bot dafür interessante Beispiele.

Der Vorsitzende des Bundestags-Verkehrsausschusses und Verkehrsexperte der SPD, Dr. Paul Bleis, bezeichnete eine kostenorientierte Verkehrsreform als ein Gebot der Stunde. Korreferent MdB Ernst Müller-Hermann plädierte im Namen der CDU lediglich für eine kostenorientierte Tarifreform, und der FDP-Sprecher MdB Otto Eisenmann, forderte schließlich eine marktorientierte. Verkehrspolitik. Der Laie mag daraus auf ein erhebliches Meinungsgefälle schließen. Der Fachmann wird sich eine kostenorientierte Verkehrsreform ohne kostenorientierte Tarife kaum vorstellen können. Und eine marktorientierte Verkehrspolitik wird ebenfalls nicht umhin können, sich nach den echten Kosten auszurichten.

Weil es nun in der Gegenwart so wenig Gegensätze in der verkehrspolitischen Diskussion gibt, mußte die Vergangenheit mit ihren hitzigen Auseinandersetzungen herhalten. Aber das ist ein zweifelhaftes Verfahren: Es gibt in allen drei Parteien Bundestagsabgeordnete, die sich heute nicht mehr genau erinnern, ob sie 1955 gegen oder für das Verkehrsfinanzgesetz gestimmt haben. Laßt die Vergangenheit ruhen und bekennt jetzt Farbe! Ob die Sprecher der drei Parteien in Hamburg das Mäntelchen ein bißchen nach dem Winde gehängt haben und dem Werkverkehr aus Höflichkeit oder aus parteipolitischen Überlegungen ein paar nette Verse ins Stammbuch schrieben, wird die Zukunft beweisen. Kl.