London, im Juni

Die Wetten über Großbritanniens Beitritt zur EWG standen in Brüssel vor Macmillans französischem Wochenende 2:2. Die ersten handfesten Kompromisse beim Beginn der Einzelverhandlungen bestärkten die Optimisten und machten die Skeptiker etwas weniger skeptisch. Was man den Wettlustigen nach dem Wochenendgespräch Macmillans mit de Gaulle raten soll, hängt davon ab, ob man glaubt, was in Paris gesagt wird oder was in London nicht gesagt wird.

Franzosen in hohen Positionen, die de Gaulle nahestehen und ganz gewiß das Gras wachsen hören, zögern nicht, die Begegnung so darzustellen, als sei nun alles in bester Ordnung. Es klingt so, als habe Macmillan eine bedingungslose Kapitulation ausgesprochen, wenn nicht unterschrieben: Er habe jeden Zweifel de Gaulles darüber beseitigt, daß Großbritannien noch irgendeine politische reservatio mentalis gegenüber Europa hege; er habe den französischen Präsidenten überzeugt, daß die britische Regierung bereit sei, die politischen Bande mit dem Commonwealth zu zerreißen oder doch verkümmern zu lassen und auf eine politische Sonderbeziehung zu den Vereinigten Staaten zu verzichten; er habe auch de Gaulles Kernwaffenpolitik auf eigene Faust nicht kritisiert. Mit anderen Worten: Macmillan habe sich gebührlich bescheiden aufgeführt, er habe sich nicht als Vertreter der dritten Weltmacht aufgespielt, und so sei dem französischen Präsidenten, dem seines Vaterlandes „gloire“ so sehr am Herzen liegt, ein Stein vom Herzen gefallen.

Kein Wunder, daß man bei solcher Pariser Deutung in London die Absicht merkt und – ja, ein klein wenig verstimmt ist. Was Macmillan und de Gaulle einander wirklich sagten, kann natürlich nicht an die große Glocke gehängt werden; und die Unterhausdebatte dürfte diesen Schleier wohl auch nur um ein diskretes Zipfelchen lüften. Aber es ist klar, daß besonders seit de Gaulles sarkastischen Ausfällen bei seiner jüngsten Pressekonferenz – und unter dem Eindruck der Demission von fünf Ministern – die französische Regierung das größte Interesse daran hat, nicht mit der Schuld an einer Sabotage des britischen Beitritts belastet zu sein. So und nicht anders werden die Pariser Beteuerungen in London gewertet.

Macmillan hat das größte Interesse daran, Großbritannien in die EWG hineinzuführen. Da er aber durch einen so späten Entschluß England in die Lage eines Bittstellers gebracht hat, muß er jetzt höchst vorsichtig lavieren und de Gaulles Empfindlichkeiten so taktvoll wie möglich behandeln. Und Macmillan, der während des Krieges residierender alliierter Minister in Nordafrika war, kennt sich mit diesen Empfindlichkeiten ja schon ein bißchen aus...

Gewiß hat der Premierminister dem französischen Präsidenten versichert (und gewiß nicht zum erstenmal), daß Großbritannien in der EWG politisch voll und ganz mitmachen will. Das ist die reine Wahrheit. Immer stärker wird in britischen Regierungskreisen die Überzeugung, daß die wirtschaftlichen Vorteile des EWG-Beitritts strittig sind und bleiben, daß aber gerade politische Gründe zwingend für den Beitritt sprechen. Die politischen Bande mit dem Commonwealth sind ja längst so zart wie ein Spinnengewebe. Da ist ein genau definierter Verzicht weder nötig noch auch, im Sinne Europas, im geringsten Sinne ratsam. Was noch übrig ist – der völlige Mangel von Geheimnistuerei zwischen Commonwealthregierungen, der freie Austausch aller Informationen, die Familienatmosphäre (mit allem dazugehörenden Familiengezänke) bei Begegnungen von Commonwealthministern aller Rassen und Hautfarben – das mögen europäische Staatsmänner je nach Geschmack hoch oder gering werten. Aber keiner sollte leichtfertig genug sein, unserer atomisierten Welt eine Tradition der Zusammengehörigkeit unter Hunderten von Millionen zu entziehen, die im besten Fall sehr nützlich ist und im schlimmsten Fall ganz harmlos.

Macmillan hat auch bestimmt keinen Anspruch auf eine Sonderbeziehung zu Washington erhoben. Und da er selbst mit einer zweifelhaften Atompolitik belastet ist, konnte er de Gaulles Kernwaffenpläne kaum kritisieren. Aber ohne Zweifel hat er sich nicht dazu verstanden, den amerikanischen Mac Mahon-Act über den Verrat nuklearer Geheimnisse seinerseits zu verraten – oder seine Überzeugung zu verraten, daß der Westen ohne Amerika unverteidigbar ist.

Das Londoner Echo zum neuesten Pariser Optimismus betont vor allem den Gedanken, daß de Gaulle es nicht leichter hat als Macmillan. Die Times drückt das so aus: „Man darf nicht glauben, daß die Karten alle in einer Hand sind, die ganze Kraft auf einer Seite.“ Martin Wieland