Ankündigung eines streitbaren Dialogs

Jeder Berufsschreiber kennt die Erfahrung: Worüber man am meisten weiß, darüber zu schreiben ist am schwersten. Nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, wegen der selbstverständlichen Rücksichten auf Bekanntes und Bekannte, die in einer publizitätssüchtigen Zeit so vorschnell als Korruption „angeprangert“ werden. Sondern vor allem: weil die Welt dort, wo man sie genau kennt, nicht mehr in holzschnittartigem, recht leicht nachzubildendem Schwarz-Weiß erscheint, sondern in eher grauen Farbtönen, deren Nuancen zu treffen sehr, sehr schwer ist.

Auf eine diesem Sachverhalt ganz verwandte Schwierigkeit mag es mit zurückzuführen sein, daß die Musik im Feuilleton dieser Zeitung zuweilen nicht den Platz eingenommen hat, den wir ihr gewünscht hätten und der ihr gebührt.

Sei’s drum. Grund war jedenfalls nicht ein Mangel an Kritikern, sondern eher ein Überfluß; denn wo ein sehr dezidierter Kritiker wirkt, ist schon der zweite überflüssig.

Für ein paar Wochen soll jetzt die Musik ganz im Vordergrund stehen: Josef Müller-Marein und Walter Abendroth haben sich bereitgefunden zu einem Streitgespräch unter dem Titel „Musik im Widerstreit“.

Walter Abendroth ist ZEIT-Lesern seit vielen Jahren bekannt, zunächst als Feuilletonchef, später als Statthalter unserer Kulturredaktion in München. Fachleute kennen ihn, seit er in den zwanziger Jahren seine ersten Musikkritiken im „Altonaer Tageblatt“ und in der Berliner „Allgemeinen Musikzeitung“ veröffentlichte. Aber Abendroth ist nicht nur ein Musikschriftsteller von Rang, sondern gleichzeitig ein hochgeachteter Komponist. Seine Symphonien und Konzerte wurden von Dirigenten wie Konwitschny, Böhm, Jochum, Keilberth und Schuricht aufgeführt.

Für die Legitimation des Chefredakteurs der ZEIT, Josef Müller-Marein, auch in Sachen Musik das Wort zu ergreifen, liegen (neben den einschlägigen Aufsätzen und Kritiken) zwei Dokumente vor: In Müller-Mareins humoristischem Buch „Der Entenprozeß“ steht der Bekenntnissatz, daß er ein gebildeter Musiker gewesen sei, ehe er ein lärmender Journalist wurde. Außerdem gibt es eine Eintragung in seine „Arbeitspapiere“, wo sich in der Rubrik „gelernter Beruf“ das lapidare Wort findet: „Theaterkapellmeister“.