Von Walter Mühlbächer

Der Verfasser ist ein Berliner Arzt, dessen (unmittelbar oder mittelbar erworbene) Erfahrungen mit Krebspa tienten ihre besondere Note dadurch gewinnen, daß es sich bei den Patienten um – Ärzte handelt. In München wurde Dr. Josef Issels zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, weil er einem krebskranken Patienten nicht dringend genug zur Operation geraten hatte. Das Urteil wurde glücklicherweise von der Berufungsinstanz aufgehoben. Der Fall muß von neuem von einem Münchner Gericht geprüft werden. In diesem Zusammenhang erscheint es doch hochinteressant, daß krebskranke Ärzte den operativen Eingriff an sich selber offenbar durchaus nicht für selbstverständlich halten, sondern ihn häufig verweigern.

Die „letzten“ Geheimnisse aller bösartigen Geschwülste sind bekanntlich noch in tiefes Dunkel gehüllt. Es hat auch heutzutage – bei Berücksichtigung chirurgischer, zytostatischer und strahlentherapeutischer Fortschritte – keinen Sinn, den Krebs – relativ gutartige Hautkarzinome ausgenommen – einfach als „heilbar“ zu bezeichnen.

Ernst von Bergmann (1836–19,07), der Chirurg von Weltruf, ging an einer progredienten Darmstenose zugrunde. Als ihm die ersten Zeichen subjektiv „klar“ wurden, lehnte er im Hinblick auf seine Überzeugung, daß es sich um Krebs handeln müsse, eine Operation ab. Er starb ohne Operation – bei der Autopsie zeigte sich, daß es sich nur um die Nachwirkungen einer Ruhrerkrankung handelte. Ein tragischer Irrtum.

Wenn Ärzte krebskrank sind, dann „sperren“ sie sich häufig gegen die Diagnose „Krebs“. Sie täten das nicht so häufig, wenn die Frühoperation oder Bestrahlungstherapie, oder beide kombiniert, so erfolgreich wären, wie es aus überaus optimistischen Publikationen manchmal geschlossen werden könnte. Ich will zugeben, daß in letzter Zeit, so besonders bei Lungen- und Magenkrebs, auch Veröffentlichungen erscheinen, die den Heilungsmöglichkeiten so skeptisch gegenüberstehen, wie es geboten scheint. An eine Heilung oder auch nur wesentliche Besserung durch chemische Präparate glaubt – nach meinen Erfahrungen – kaum ein krebskranker Arzt.

August Bier fiel dieses Sichsperren bei einem prominenten Arzt, der röntgenologisch sehr versiert war, auf: Eine Magenaussparung im Plattenbild, die eine Diagnose leicht machte, wurde „völlig sicher“ verkannt, ja, es ereignete sich jener bedrückende – vom Arztpatienten nicht bemerkte! – Zynismus, daß, als beide Ärzte (Bier und der Kranke) vor diesem Röntgenbild standen, jener bedauernswerte Kollege meinte: Wenn es sich um einen seiner Sprechstundenbesucher handelte, er (der kranke Arzt) hielte es für ein Karzinom! Bier, der diesen Fall schon als inoperabel erkannt hatte, mußte große Sicherheit bei der menschlich gerechtfertigten Täuschung mimen.

Ein anderer Chirurg von Format, der vor ungefähr zwei Dezennien als Ursache seiner plötzlichen Magenbeschwerden Krebs erkannte, konsultierte mehrere Kollegen.. Sie sprachen offen über die Diagnose, aber N. lehnte eine operative (und auch strahlentherapeutische) Behandlung mit großer seelischer Sicherheit ab. Er ertrug dann auch sein Leiden mit Würde und Gleichmut bis zum Ende.