Von Gerd Bucerius

Auf den „Schwarzen Montag“ an der Börse ist ein „Rosaroter Mittwoch“ gefolgt. Erleichtert haben die für die deutsche Wirtschaft Verantwortlichen danach aufgeatmet. „Die Wende ist da“, verkündeten sie wohlgemut, „es geht wieder aufwärts“. Aber wir sollten uns nichts vormachen.

In Wahrheit haben wir einen Herzinfarkt gehabt. Das kann man überleben, aber man muß sein Leben ändern. Sonst droht der zweite – oft letzte – Schlaganfall. Wir müssen uns besinnen. Wir dürfen uns nicht mit den „technischen Gründen“ für den Börsenkrach zufriedengeben. Sie sind gewiß mitverantwortlich (wir berichten auf Seite 19 darüber), aber sie sind nur die Symptome, nicht die Krankheit selbst.

Nach dem letzten Krieg ist die Bundesrepublik aufgebaut worden von der Generation der heute 50- bis 60jährigen. Die hatten im Schatten der Krise der dreißiger Jahre – der schwersten Wirtschaftskrise der westlichen Welt, mit sechs Millionen Arbeitslosen in Deutschland – gelernt, daß das Leben unsicher sei und nur mit großem Fleiß und harter Sparsamkeit gemeistert werden könne.

Aber den Pioniergeist, der das „Wirtschaftswunder“ erzeugte, gibt es nicht mehr. Bis vor kurzem waren wir Deutsche der ganzen Welt an Leistung voraus; jetzt sind wir hinter ihr zurück: Wir arbeiten weniger, schaffen weniger Werte und produzieren mindere Qualität. Lassen wir einen Unparteiischen sprechen, einen englischen Unternehmer, der in Deutschland eine Niederlassung gründete, weil er den deutschen Arbeiter für tüchtiger und fleißiger hielt als den englischen, nämlich den Chef der deutschen Niederlassung der englischen Firma Ronson:

„Wegen des Arbeitermangels sind die Lieferfristen in Deutschland alarmierend gestiegen und haben sich die Löhne noch alarmierender erhöht. Wir mußten in den beiden letzten Jahren über 20 Prozent Lohnerhöhung verkraften. Die vom Unternehmer zu tragenden Soziallasten stellen die vergleichbaren Lasten in England in den Schatten. Die allgemeinen Soziallasten betragen 29 Prozent des Lohnes und die ,freiwilligen’ noch einmal 16 Prozent. Diese erhöhten Kosten werden keineswegs durch höhere Leistungen des deutschen Arbeiters ausgeglichen. Die Deutschen haben nach dem Krieg hart gearbeitet für ein Dach über dem Kopf. Aber es ist einfach nicht wahr, daß der deutsche Arbeiter der beste in Europa ist, daß er mehr als der Engländer arbeitet oder gewissenhafter ist. Im Gegenteil: Der englische Arbeiter entwickelt mehr Initiative. Daher wird die deutsche Produktion von Ronson, von der aus Europa beliefert werden sollte, gemindert, und die englische Produktion erhöht.“

Und der „Observer“ wußte am 3. Juni 1962 zu berichten, die englische Regierung „hoffe, daß die deutsche Wirtschaft weiterhin stagnieren werde, zum Nutzen des englischen Exports“.